Mittwoch, 14.09.2005

Gaborone

Heute bin ich das erste Mal in diesem Urlaub auf mich allein gestellt. Chrissi muss heute arbeiten und ich mich allein beschäftigen. Wir haben verabredet, dass ich mit dem Taxi in die Stadt fahre und mir dort die Mall, das Museum und das Parlament anschaue. Ab 15:00 Uhr ist die Besprechung mit den potenziellen Geldgebern zu Ende und ich soll bei BONELA auftauchen. Dort kann ich mal ihren Betrieb kennenlernen und einen kritischen Blick auf die neue Website werden. Danach wollen wir gemeinsam nach Hause fahren.

Als ich aufstehe und frühstücke, ist Chrissi schon im Büro. Victor muss sowieso jeden Morgen früh aufstehen, denn er fährt gegen 06:30 zur Arbeit ins etwa 50km entfernte Molepolole. Während ich auf der Terrasse frühstücke, wuselt Boitumelo im Haus herum und betüddelt das Kind.

Gegen halb elf rufe ich ein Taxi, das nach 15 Minuten da ist. Die Fahrt zum Museum in der Stadtmitte dauert ca. 20 Minuten und ist für mich sehr günstig: 15 Pula, also ungefähr 3 Euro. Für hiesige Verhältnisse ist das jedoch schon viel Geld, weswegen die meisten Leute hier die Sammeltaxen bevorzugen. Das sind hoffnungslos überfüllte Kleinbusse, die auf festen Routen durch die Stadt fahren. Hier kostet eine Fahrt irgendwas zwischen drei und fünf Pula. Am Museum lässt der Fahrer mich raus. Beim Zurücksetzen gibt es einen furchtbaren Krach, als er mit etwas viel Gewalt einen Bordstein überfährt. Es hört sich so an, als hätte er sich mindestens den halben Auspuff abgerissen.

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Botswana Museum

Das Museum selbst ist ganz interessant, aber hoffnungslos veraltet. Das neueste Foto, das ich dort finde, ist aus den späten achtziger Jahren. Es wirkt eher wie ein kleines Heimatmuseum als ein Nationalmuseum. Die Hauptausstellung dokumentiert die Geschichte des Gebiets des heutigen Botswanas sowie seiner Bewohner über die Jahrhunderte. Lachen muss ich bei der Beschreibung der Wildhunde. Der Text auf der Plakette neben einem Diorama besagt, dass Wildhunde früher eine große Bedrohung für das Vieh waren, doch heute nicht mehr häufig außerhalb der Wildparks und Reservate angetroffen werden. Das ist ein schöner Euphemismus für "Das Tier haben wir fast ausgerottet".

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"Today they are not often seen outside the confines of the national parks and game reserves."

Andere Dioramen beschreiben die Kämpfe der Stämme, die vor hunderten Jahren die Gegend des heutigen Botswana bevölkerten. Irgendwie beruhigt es mich, dass die Afrikaner sich um 1700, als die Europäer diesen Winkel der Welt noch nicht kolonialisiert hatten, auch schon ohne unser Zutun ganz ordentlich die Köpfe eingehauen haben.

Nach einer Stunde bin ich fertig mit dem Museum. Außer der Ausstellung gibt es hier nicht viel. Im Innenhof stehen ein paar Rondabel und in einem Seitenflügel wird eine Fotoausstellung vorbereitet, die aber erst in der kommenden Woche eröffnet wird. Ich gehe die paar Meter zum Eingang der Mall. An diese Fußgängerzone habe ich ein paar schemenhafte Erinnerungen: Hier ist eine Post, bei der ich 1990 einige Postkarten abgeschickt habe, sowie eine Bank, in der ich damals Reiseschecks eingelöst habe. Dass damals aber zum Beispiel der Boden noch nicht gepflastert war, weiß ich nicht mehr, aber da vertraue ich auf Chrissis Erfahrung. Es wird sehr viel gebaut, aber es gibt kaum ansprechende Geschäfte. Das ist keine geschlossene Mall wie Riverwalk. Es fällt auf, dass kaum Weiße unterwegs sind. Eher kann ich sagen "I'm the only white in the mall". Die Mall ist sehr großzügig angelegt, wirkt aber etwas heruntergekommen.

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The Mall. Wahrscheinlich die einzige Fußgängerzone in Botswana.

Viele fliegende Händler prägen das Bild. Sie bieten die drei Standarddinge an: Gemüse, Souvenirs und Telefonie. Besonders die Telefonanbieter sind interessant. Sie sind mir schon in der vergangenen Tagen aufgefallen. Sie haben normalerweise einen Tisch, einen Sonnenschirm und ein Telefon, sowie einen Stapel Telefonkarten. Das Telefon sieht aus wie ein normales Telefon, mit Hörer und allem, ist aber ein GSM-Telefon. Man kann bei den Händlern Telefonkarten kaufen und diese direkt abtelefonieren. Sozusagen Telefonzellen mit Service, denn die Nummer wird für einen gewählt. Diese Händler gibt es aber nicht vereinzelt, sondern überall in der Stadt. Kaum eine Kreuzung, an der nicht jemand sitzt und mit seinem Telefon auf Kunden wartet. Hier in der Mall ist der Wettbewerb besonders hart: alle paar Meter verkauft hier jemand Telefonkarten. In einem Land, in dem es nicht besonders viele Festnetzanschlüsse gibt und ein Mobiltelefon für die meisten Bewohner zu teuer ist, ist das gar keine schlechte Geschäftsidee. Ich habe aber keine Ahnung, wie groß die Marge bei den Telefonkarten ist. Viel kann es nicht sein.

Nach ca. 500m endet die Mall an der Straße, über die Chrissi und ich gestern gefahren sind. Auf der anderen Seite schließt sich ein vertrockeneter Park an, dahinter ist das Parlament. Das möchte ich mir gerne aus der Nähe anschauen. Victor hatte mich schon gewarnt, dass ich besser nicht versuchen sollte, Fotos zu machen, woran ich mich auch halte. Ärger mit den Behörden erspare ich mir besonders hier gerne. Vor dem Informationsbüro sitzt ein Parlamentsangestellter und isst zu Mittag. Ich entschuldige mich für die Störung und frage nach einer Führung. Er sagt, es sei gerade Mittagspause, in einer Stunde könne mir jemand weiterhelfen. Also gehe ich zurück zur Mall. In einer Seitenstraße finde ich im dritten Stock eines Bürohauses ein Internetcafe, wo ich für eine halbe Stunde Pause mache und meine Mail lese. Die Leute schauen mich seltsam an, es scheint nicht häufig vorzukommen, dass sich Touristen hierher verirren.

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Sir Seretse Khama, der Staatsgründer

Bevor ich wieder zum Parlament gehe, kaufe ich noch eine Flasche Wasser und eine Packung Kekse, die für heute mein Mittagessen sein sollen. Zurück beim Parlament trage ich erneut mein Anliegen im Information Centre vor: Ich bin Tourist und möchte gerne wissen, ob Führungen durch das Parlament gemacht werden und ob es vielleicht auch eine Ausstellung zur politischen Geschichte des Landes gibt. Der junge Mann schickt mich zum Haupteingang und sagt, ich solle dort nach dem Public Relations Officer fragen. Beim Haupteingang sitzen zwei Wachleute, denen ich mein Anliegen erneut erkläre. Sie wirken etwas erstaunt, offenbar haben nicht viele Leute dieses Interesse. Die Wachbeamtin telefoniert ein wenig herum, da sie aber Setswana spricht, verstehe ich nicht den Verlauf des Gesprächs. Offenbar geht es aber zu meinen Gunsten aus: Ich werde gebeten, meine Daten in ein sehr, sehr großes Protokollbuch einzutragen, dann bittet mich der männliche Security Guard um einen Moment Geduld, während er den Schlüssel holt. Er bedeutet mir, den Rucksack hier zu lassen und ihm zu folgen. Nun verstehe ich, dass dies eine ziemliche Privattour wird. Wir gehen gemeinsam zum Eingang des Sitzungssaals. Er schließt auf, weist mich aber an, zu warten. Er schaltet lediglich das Licht an und wir nehmen einen anderen Eingang. Dieser hier ist für die Mitglieder des Parlaments bestimmt. Join, so der Name meines persönlichen Fremdenführers, führt mich auf die Besuchergalerie und erklärt sehr eloquent die Sitzordnung im Parlament. Ich stelle viele Fragen über die Funktionsweise des Parlaments und über die demokratischen Verfahren in Botswana. Join wird zusehends lockerer. Ich erfahre eine ganze Menge über Botswanas Präsidialdemokratie, die Stellung der Opposition, die besonderen Ämter im Parlament. Es ist eine sehr interessante Führung.

Nach einer halben Stunde verlassen wir das angenehm kühle Gebäude und gehen die paar Meter zum House of Chiefs, dem Oberhaus. Mittlerweile hat Join offensichtlich verstanden, dass ich kein Spinner bin, der einen Umsturz plant und führt mich direkt in den Plenarsaal. Während wir zwischen den Sitzen der Chiefs umhergehen, erklärt er ausführlich, wer wo sitzt und wie die Geschäftsordnung des Hauses funktioniert. Zum Schluss sehe ich noch die Pressekabinen und im Treppenhaus eine Ausstellung über die bisherigen Sprecher (also Vorsitzende) des Oberhauses. Nach der Tour verabschieden wir uns sehr freundlich. Ich drücke meinen Dank darüber aus, dass ich die Gelegenheit hatte, diese wichtigen Gebäude zu besichtigen und soviel darüber zu erfahren. Ich habe den Eindruck, dass auch Join Spaß daran hatte, seinen üblichen Arbeitstag für eine Stunde zu unterbrechen. Wir gehen gemeinsam zurück zur Rezeption, ich hole meinen Rucksack ab und mache mich auf den Weg zu BONELA. Bin sehr amüsiert über diese Art der Tour und stelle mir vor, ich würde in Berlin zum Bundestag, bzw. Bundesrat gehen und dort ebenso fragen. Da würde sich kein Wachmann eine Stunde Zeit nehmen, mir alles zu zeigen.

Das ist einfacher gesagt als getan. Ich möchte gerne ein Taxi haben, aber hier fährt einfach keins herum. Am Ende der Mall ist ein großer Parkplatz für die Minibusse. Die Fahrer hupen wild herum und halten Ausschau nach Fahrgästen. Einer spricht mich an, wo ich hinwolle. Ich erkläre ihm, dass ich ein Taxi suche, aber er will mir unbedingt ein "special" verkaufen: "How much you got? I make you special." Zum Medical Mews Fairgound könne er mich für 50 Pula fahren. Obwohl ich mich nicht gut in der Stadt auskenne, merke ich sofort, dass er mich über den Tisch ziehen will. Ich sage ihm, dass ich heute morgen für 20 Pula durch die halbe Stadt gefahren bin, da könne diese Strecke unmöglich 50 Pula kosten. OK, für zwei Pula könne ich mit zum Bahnhof fahren, dort gebe es eine Menge Taxen. Ich solle nur schonmal einsteigen. Kaum, dass ich mich versehe, sitze ich in einem gut gefüllten Minibus. Ein paar Plätze sind noch frei, und der Fahrer und sein junger Assistent versuchen wie wild, noch andere Fahrgäste anzulocken. Schnell werden die anderen Fahrgäste unruhig: Das dauere viel zu lange, die eine Frau will sofort wieder aussteigen. Aber nach zwei Minuten geht's dann doch los, allerdings nicht ohne lautstarke Diskussionen im Auto. Nach fünf Minuten Fahrt erreichen wir den Bahnhofsvorplatz. Buchstäblich ein Meer von Taxen steht vor mir. Ich gebe dem Assistenten seine zwei Pula, er steigt kurz mit aus und spricht mit einem der Taxifahrer. Er sagt mir, dass ich hier schnell einsteigen solle, der Mann fahre mich zu meinem Ziel. Prima, anders hätte ich meinen Fahrer auch nicht gesucht. Allerdings frage ich vorher nach dem Preis: 15 Pula soll es kosten. Das klingt schon besser als das angebliche "special", das ich vorher ausgeschlagen habe.

Ganz soviel Glück habe ich mit dem Taxifahrer dann doch nicht. Er kennt sich nicht gut aus in der Stadt, muss zweimal Kollegen nach dem Weg fragen. Irgendwann erreichen wir eine Umgehungsstraße, an der ich die Augenarztpraxis vom Vortag erkenne. Von hier aus weiß ich ungefähr die Richtung. Nachdem wir das große Gewerbegebiet erreicht haben und einmal ganz rum gefahren sind, ohne das Ziel zu finden, steige ich aus und laufe den Rest. Es sind noch ungefähr 500m durch die brütende Nachmittagshitze. Das Gelände lässt noch viel Raum für weitere Gebäude. Die Straßen sind hervorragend ausgebaut, haben sogar Bürgersteige. Nun müssen sich nur noch Betriebe hier ansiedeln.

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Die Gegend rund um Chrissis Büro bietet noch Platz für viele weitere Neubauten. BONELA Headquarters, Medical Mews, Plot 50662, 1st Floor Fairgrounds, Gaborone

Das Gebäude, in dem BONELA seine Büros hat, ist Teil einer größeren Anlage mit Bürogebäuden. Obwohl alles sehr modern ist, hat man sich an eine halbwegs traditionelle Architektur gehalten und nicht die üblichen gesichtslosen Glas- und Stahlbauten in den roten Sand gesetzt. Das Botswana Network of Ethics, Law and AIDS residiert im ersten Stock. Ich begrüße Moses, den Fahrer, und frage Tebogo, die Sekretärin, ob Mrs. Stegling zur zu sprechen sei. Noch nicht, aber ich solle einen Moment warten. Es dauert aber nicht lange, bis mich Werani, die als Projektmitarbeiterin bei BONELA beschäftigt ist, erblickt und mich fragt, ob ich der Typ sei, der sich die Website anschauen wolle. Ja, das bin ich. So zieht sie mich direkt in ihr Büro und wir verbringen eine gute Viertelstunde damit, uns die Site anzuschauen. Mit kritischem Blick weise ich sie auf ein paar Punkte hin und mache einige Vorschläge, die sie dankbar aufnimmt.

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Werani zeigt mir die neue Website von BONELA Nana spielt mit Miles. Der ist nicht glücklich. Das Büro der Direktorin

Chrissi kommt aus ihrer Besprechung und ist etwas fertig. Sie führt mich herum und stellt mir die Kolleginnen vor (Moses ist der einzige Mann, der bei BONELA arbeitet). Das Büro macht einen wirklich gut organisierten Eindruck und die Mitarbeiterinnen sind alle sehr freundlich. Wir haben aber nicht mehr viel Zeit, weil Chrissi wegen Miles nach Hause will. Mit Werani bespreche ich noch, dass ich an einem anderen Tag wiederkomme, um ihr zu helfen, einige Dateien nach PDF zu konvertieren.

Am Abend ist noch ein weiterer Besucher zum Essen da. James, ein Angehöriger des Daneford Trust, hat noch einen Koffer bei Steglings untergestellt. Er hat ein paar Wochen hier gewohnt und war die letzte Woche unterwegs. Er ist ein seltsamer Typ, aber ganz freundlich. Chrissi und Victor haben häufig Gäste, die als Daneford Trust Volunteers nach Botswana kommen. Für das Wochenende hat sich schon eine weitere Frau angekündigt.

Ich koche ein Risotto, das wir zu viert auf der Terrasse essen. Ist ganz gut gelungen, zumindest sind die anderen zufrieden. Nach dem Essen fahren Chrissi und ich auf ein paar Drinks ins News Cafe. Dort treffen wir Mmame und Monica, zwei sehr gute Freundinnen von Chrissi. Es gibt eine angeregte und schnelle Unterhaltung. Manchmal etwas zu schnell und zu angeregt und ich verliere den Faden, aber das ist nicht schlimm. Noch ein Merker für weitere Besuche hier: Auf keinen Fall die Caipirinha trinken, sie ist die schlechteste der Welt.


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