Mittwoch, 21.09.2005

Kapstadt

Wache etwas gerädert auf, die Matratze in meinem Bett ist sowas von durchgelegen, dass ich total verspannt bin. Außerdem hat jemand vor mir ein Kissen unter den durchgelegenen Teil gesteckt, um das Loch in der Matratze auszugleichen. Auch nicht gerade rückenfreundlich.

Das kleine bisschen Himmel, das ich von meinem Fenster aus sehen kann, ist bewölkt. Schlechte Karten für eine Tour auf den Tafelberg. Allerdings heißen Wolken um den Tafelberg herum nicht, dass auch der Lion's Head wolkenverhangen ist. Dieser Berg, der einen Teil des westlichen Randes der City Bowl bildet, ist ungefähr 300 Meter niedriger als der Tafelberg. Also geht es heute auf den kleineren der beiden Berge.

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Der Lion's Head. Da will ich heute hoch.

Nach dem Frühstück am späten Vormittag fahre ich kurz zum Checker's Supermarkt, der sehr nahe an der Wohnung liegt. Das nächste Mal gehe ich zu Fuß, aber dieses Mal habe ich die Entfernung doch überschätzt. Ich kaufe ein paar Hähnchenschnitzel für das Braai am Abend und ein wenig Verpflegung für den Tag. Bevor ich zum Startpunkt der Wanderung fahre, mariniere ich in der Wohnung noch das Fleisch für den Abend.

Der Parkplatz am Anfang des Wanderwegs liegt auf der Straße zum Signal Hill. An diesem Mittag ist hier nicht viel los, nur ein paar Autos stehen auf dem Parkplatz. Die Sonne brennt trotz der leichten Bewölkung ziemlich heiß auf den Berg hinab. Der Weg windet sich einmal in einer großen Biegung um den Lion's Head herum und gewinnt stetig an Höhe.

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Wanderweg zum Lion's Head. Bevor er beschwerlich wird.

Die Aussicht ist schon auf der geringen Höhe weit unterhalb des Gipfels spektakulär. Auf der einen Seite die Stadt, auf der anderen Seite die Bergkette der zwölf Apostel und die Atlantikküste.

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Nach einer knappen Stunde wird der Weg anspruchsvoller. Er wandelt sich der Weg von einem gemütlichen Spazierweg zu einem Wanderweg, der das feste Schuhwerk rechtfertigt. Schließlich muss man eine Leiter erklimmen, um weiter nach oben zu kommen. Sie ist zwar nur 2,5 Meter hoch, aber so unwohl, wie ich mich auf Leitern fühle, reicht das schon. Auch wird es immer schwerer, den Pfad zu erkennen. Sofort drängen sich Erinnerungen an die Wanderungen in Neuseeland auf, wo die offiziellen Wanderwege immer hervorragend markiert waren.

An dieser Stelle endet auch die "grüne Zone" des Bergs und die felsige Krone beginnt -- der wirkliche Kopf des Löwen. Schon seit einiger Zeit laufe ich mal vor, mal hinter zwei jungen Deutschen her. Wir erreichen zu dritt eine Stelle, an der einige Ketten den Fels herabhängen. Hier höre ich von hinten: "So, hier kannst du deine Hände benutzen." Ich lehne diese Abkürzung aber dankend ab (für mich wäre das keine Abkürzung, zumindest keine auf dem Weg nach oben), und gehe den schmalen Pfad weiter, der sich um den Berg windet.

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Ab hier wird der Weg zum Gipfel deutlich beschwerlicher. Thanks, but no thanks. Ich nehme den längeren Weg. Please follow the established route. Aha.

Bei ca. 560 Meter Höhe stehe ich auf einem größeren Plateau. Vor mir türmen sich die letzten 120 Meter zum Gipfel auf, doch ich weiß nicht, wie es von hier aus weitergeht. Der Weg ist nicht zu erkennen. Schließlich sehe ich doch einen kleinen Pfad, der sich an der Südseite des Berges entlang schlängelt. Hier geht es beschwerlich aber stetig voran, ich gewinne auch einige Meter an Höhe gegenüber dem Plateau. Doch trotzdem kommt mir die Kletterei nicht ganz geheuer vor. Die Felsen werden höher, die Vorsprünge, auf denen ich mich bewege, werden schmaler. Langsam klopft auch meine Höhenangst an, denn hier geht es schon fast senkrecht mehrere hundert Meter nach unten. Ich fühle mich sehr unwohl.

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Für diesen Blick habe ich momentan keine Muße. Bin damit beschäftigt, nicht vom Felsen herunterzufallen.

Warum kommt nur niemand hier vorbei, dem ich mich auf dem Weg nach oben anschließen kann? Oder zumindest jemand, der hinabsteigt, sodass ich wenigstens weiß, auf dem richtigen Weg zu sein. Nach einem besonders schwierigen Aufstieg von einem Felsen auf den nächsten, sitze ich ohne erkennbaren weiteren Weg nach oben auf einem schmalen Vorsprung und gestehe mir ein, dass dieser Berg wohl eine Nummer zu groß für mich ist. Außerdem hat sich die Verspannung der letzten Nacht zu einem ausgeprägten Kopfschmerz entwickelt. Zu guter letzt sehe ich ein, dass Jeans wirklich keine gute Kleidung für solche Unternehmungen sind. Also: Abstieg. Was mich allerdings wurmt, ist, dass die Mädels aus der WG den Aufstieg am Tag vorher gemeistert haben. Die drei sind zwar sportlich, wirken aber nicht wie erfahrene Kletterer. Egal: Ich markiere im GPS einen Punkt namens "ENDE" und klettere ein paar Meter hinab.

Auf dem Rückweg zum Plateau sehe ich einen Pfad, der mehr Erfolg verspricht. Zwar komme ich hier ein paar Meter weiter (also: höher), aber auch hier ist der Aufstieg bald so schwer, dass ich aufgeben muss. Auf einmal taucht zehn Meter über mir eine Frau aus den Felsen auf, die mir zuruft "Are you on a path?". "I'm not sure", antworte ich, sehe aber bald ein, dass hier ebenfalls kein Weiterkommen ist. Ich markiere Punkt "ENDE2" und kehre zum Plateau zurück. Dort nehme ich den Pfad nach unten. Nach einigen Metern kommt mir ein Wanderer entgegen. Ich frage ihn, ob ich mich ihm anschließen könne, ich fühle mich unsicher auf dem Weg nach oben. Doch er ist gar nicht beim Aufstieg, sondern beim Abstieg, der richtige Pfad nach oben geht genau in die Richtung, die ich gerade für den Weg nach unten gehalten habe. Er zeigt mir, dass ein paar Meter entfernt sogar Treppenstufen nach oben führen. Aha, habe mich also nur verlaufen... Der Plan, hinabzusteigen, wird kurzerhand wieder verworfen. Die Richtung ist "oben"!

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Der Signal Hill bildet die westliche Grenze der City Bowl

Von hier aus finde ich mich sehr schnell wieder zurecht. An einer weiteren Leiter kommt mir ein Wanderer mit einem kleinen Hund im Arm entgegen. Das Tier ist total verängstigt, und so biete ich meine Hilfe an. Ich klettere die Leiter halb hinauf, nehme das strampelnde Tier entgegen, steige die paar Sprossen wieder nach unten und warte, bis der Besitzer auch die Leiter hinabgeklettert ist. Ich hoffe, dass das die letzte Wanderung dieser Art für den Hund war.

Etwas später kommen mir die beiden Deutschen wieder entgegen. Nun muss ich mir die Frage gefallen lassen, ob ich zwischendurch noch essen war. Gnarz. Gut zwei Stunden nach dem Aufbruch vom Parkplatz erreiche ich den Gipfel in 669 Meter Höhe. Von hier ist die Aussicht umwerfend: die Innenstadt, der Tafelberg, die Strandvororte -- alles zum Greifen nah. Die Pause mit Wasser und Keksen habe ich mir verdient.

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Die City Bowl vom Gipfel des Lion's Head aus betrachtet.
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Die Hochhäuser der Innenstadt.

Langsam wird der Wind jedoch stärker und ein paar Wolkenfetzen ziehen vom Tafelberg hinüber. Als ich den ersten Regentropfen abbekomme, breche ich die Zelte ab und beginne mit dem Abstieg. Der ist beschwerlicher als gedacht, denn der leichte Niederschlag macht die Felsen sehr glitschig. Mehr sitzend als gehend geht es mühsam voran. Ich will nur die Leitern passiert haben, bevor es richtig anfängt zu regnen. Doch so weit kommt es zum Glück nicht. Die erste Leiter ist noch halbwegs trocken und auf dem Plateau bin ich schon unterhalb der Niederschlagsgrenze. Hier habe ich mich schon auf dem Hinweg verlaufen, deswegen verlasse ich mich nun auf das GPS, mir den richtigen Weg nach unten zu weisen. Tatsächlich: Den richtigen Abstieg hätte ich so einfach nicht gefunden, meine mentale Karte ist vollkommen aus dem Lot geraten. Aber mit ein wenig Unterstützung durch amerikanische Militärsatelliten finde ich den Weg schnell. Ab dem Plateau wird der Weg auch wieder einfacher und schnell passiere ich die Ketten und die untere Leiter. Ab hier ist es nur noch ein gemütlicher Spaziergang zum Parkplatz.

Bin sehr froh, dass diese Wanderung doch noch erfolgreich verlaufen ist. Zwischendurch war mir zwar ein wenig mulmig. Jetzt aber schnell nach Hause und raus aus den engen Jeans. Ich nehme mir vor für weitere Wanderungen, lieber die kurzen Hosen zu tragen und womöglich etwas zu frieren, dafür aber mehr Bewegungsfreiheit zu haben.

In der Tamboerskloofroad gehen ab dem späten Nachmittag die Vorbereitungen für das Braai am Abend los. Dass sie morgen Geburtstag hat und wir abends reinfeiern, hat Regine mir am Tag vorher nicht gesagt, als sie mich eingeladen hat. Es fällt mir etwas schwer, mich nützlich zu machen. Obwohl alle anderen mit Vorbereitungen beschäftigt sind, wird mir keine Aufgabe zugewiesen. Das ist ein wenig unbefriedigend. Schließlich mache ich mich daran, den Grill anzuzünden. Ist zwar nicht mein Spezialgebiet, aber es gelingt schließlich doch.

Langsam trudeln die Gäste ein. Es sind alles Studenten, Praktikanten und Rechtsreferendare aus Deutschland. Offenbar ist Kapstadt gerade bei letzteren als Auslandsstation beliebt. Der Abend wird lustig. Besonders nett finde ich Frederik und Nadja, zwei Juristen aus Köln, die -- anders als man es vermutet -- doch kein Paar sind.

Zum Reinfeiern fahren wir noch in einen Club, ins "Opium". Die Musik würde mich zu Hause eher aus dem Laden heraustreiben, aber hier bin ich etwas weniger dogmatisch. Kurz bevor ich mich um halb drei einer Fahrgemeinschaft Richtung Tamboerskloof anschließe, treffe ich noch die beiden Wanderer vom Lion's Head wieder. Doch ein richtiges Gespräch kommt nicht mehr zustande, da zum Aufbruch gedrängt wird. Immerhin bekomme ich noch mit, dass Mike aus Wismar seit 2001 in Kapstadt wohnt. Dann geht's zurück nach Hause. Müde und betrunken falle ich zwanzig Minuten später ins Bett.


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