Montag, 26.09.2005

Hermanus

Frühstück gibt es wieder in dem kleinen Deli in der Brownlow Road. Dieser Laden ist wirklich sehr empfehlenswert. Auf dem Programm steht heute eine etwas längere Fahrt. Etwa zwei Stunden östlich von Kapstadt liegt in der Walker Bay der Ort Hermanus. Dieses Städtchen gilt als einer der besten Walbeobachtungsorte der Gegend. Besonders um diese Jahreszeit kommen die Tiere in die Bucht und ganz nah an die Küste heran. Wenn ich schon in Neuseeland keine Wale gesehen habe, hole ich das wenigstens hier nach.

Ich verlasse Kapstadt über die Nationalstraße 2, die als Autobahn aus der Stadt herausführt. Um den Flughafen herum wird die Straße kilometerweit von Townships gesäumt. Das ist ein sehr fremder, seltsamer Anblick -- bestärkt aber meinen Entschluss, hier auf jeden Fall noch eine Township Tour zu unternehmen.

Man kann die N2 bis fast nach Hermanus durchfahren. Schöner ist es allerdings, die Autobahn schon früher zu verlassen und bei Strand auf die Küstenstraße zu wechseln. Dann fährt man an der Ostseite der False Bay entlang. Die Strecke wird in meinem Reiseführer besonders empfohlen.

Die Orte Strand und Gordon's Bay sind nicht besonders schön. Vor allem Strand ist mit Wohnsiedlungen zugepflastert. Die Bauweise solcher Siedlungen finde ich immer wieder fremd. Vielleicht liegt es einfach nur an den hohen Mauern und Elektrozäunen, die die Siedlungen von der Außenwelt isolieren. Es gibt nichts Offenes hier, mit Ausnahme der bewachten Zufahrten keine Schnittstellen zur Umgebung. Dadurch wirken sie indifferent gegenüber der Gegend, in der sie gebaut sind. Sie könnten prinzipiell überall stehen.

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Auf einem Parkplatz am Meer in Gordon's Bay

In Gordon's Bay führt die Straße immer näher ans Meer heran. Die Aussicht auf die False Bay ist toll. Auf der anderen Seite der Bucht kann man den Tafelberg gut erkennen. Hier beginnt die Küstenstraße, der Clarence Drive. Er ist in der Tat beeindruckend schön. Leider fahre ich wieder auf der dem Land zugewandten Seite, sodass es nicht so leicht ist, die vielen Aussichtsbuchten auf der Seeseite der Straße zu nutzen. Vielleicht ist es besser, diese Straße auf dem Rückweg zu fahren, wenn man auf der anderen Seite unterwegs ist; genauso wie beim Chapman's Peak Drive auf der Kaphalbinsel.

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Clarence Drive zwischen Gordon's Bay und Pringle Bay

Am südlichen Ende der Straße befindet sich der Ort Pringle Bay und das Cape Hangklip. Auf der Karte sieht es ganz nett aus, diese südwestliche Landspitze. Ich fahre in den Ort hinein und in Richtung Strand. Dort finde ich eine hübsche Bucht, komme allerdings nicht auf die Landspitze raus. Trotzdem mache ich in der Bucht eine kurze Rast. Auf dem Rückweg durch den Ort fallen mir die sehr unterschiedlichen Architekturstile auf. Es wirkt alles sehr zusammengewürfelt.

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Am Cape Hangklip Sieht das nicht ein wenig aus wie ein Ferienhaus auf Tatooine? In der Nähe von Mos Eisley?

Der weitere Weg nach Hermanus ist wenig ereignisreich. Die Landstraße schlängelt sich an der Küste entlang durch Betty's Bay, Kleinmond und Hawston bis nach Hermanus. Hier ist es ganz und gar nicht mehr dörflich. Die Stadt ist ein touristisches Zentrum, es ist viel Verkehr auf den Straßen.

Ein paar hundert Meter von einem zentralen Marktplatz entfernt parke ich das Auto etwas schräg auf einem Grünstreifen in einer Seitenstraße. Hier ist sehr viel los: Auf dem Platz gegenüber ist eine kleine Kirmes aufgebaut, fast alle Parkplätze oder dafür verwendbaren Flächen sind belegt. Ich laufe das kurze Stück zum Strand herunter. Dort sehe ich, warum es hier so voll ist. Heute ist der letzte Tag des dreitägigen Walfests. Ende September, wenn die Wale in die Walker Bay kommen, feiert Hermanus ein großes Willkommensfest für diese Tiere. Einige Buden und eine Konzertbühne sind aufgebaut. Viel Trubel.

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Der letzte Tag des Wal-Willkommensfests in Hermanus

Ich suche lieber den Wanderweg, der in meinem Reiseführer empfohlen wird. Dieser Weg führt an den Klippen entlang bis zum östlichen Ende des Ortes. Dort hinten, im Osten, sollen gute Walbeobachtungsplätze sein. Ich habe keine Lust auf eine organisierte Tour und versuche, die Tiere vom Strand aus zu sehen.

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Die Walker Bay. Der Cliff Path führt 12 km lang an der Bucht entlang.

Der Weg windet sich in engen Kurven um die Klippen herum, führt an den Rückseiten sehr stattlicher Häuser vorbei. Die Häuser wirken wie ausgestorben. In den Gärten ist nichts los, die Fenster sind geschlossen und mit Vorhängen oder Jalousien verhangen. Entweder dies sind Wochenendhäuser sehr reicher Kapstädter oder man versteckt sich hier in seinem Haus so sehr, dass man kein Zeichen davon hinterlässt, dass das Haus bewohnt ist. Seltsam.

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Schicke Häuser direkt an den Klippen. Ein eher wenig attraktiver Teil des Cliff Paths.

Einen Nachteil hat der Weg: Er endet an einer Stelle urplötzlich. Ein Schild verkündet, dass man von hier ca. 15 Minuten auf der Hauptstraße gehen muss und dann die Fortsetzung des Wanderwegs erreicht. Fünfzehn Minuten können sehr lang sein, wenn man auf einer schnurgeraden Straße der einzige Fußgänger ist. Ist ein echter Minuspunkt an dem ansonsten sehr hübschen Weg.

Nach eher endlosen zwanzig Minuten gelange ich wieder auf den Weg am Wasser. Hier finde ich als Ausgleich einen ganz schönen Ruheplatz mit einer Bank, wo ich lange sitzenbleibe, lese und ab und zu auf's Wasser rausgucke, um einen Wal zu sehen. Doch keine Chance, heute scheint hier walfreier Tag zu sein.

Nach einer Stunde gebe ich auf und gehe über die hässliche Hauptstraße wieder zurück zum Ortskern. Dort stürze ich mich in das Getümmel des Walfests. Eine sehr, sehr mittelmäßge Hiphop-Gruppe versucht ein wenig Musik zu machen. Offenbar stehen sie heute das erste Mal auf einer Bühne. Lange halte ich das nicht durch. In einem großen Bogen entlang am alten Hafen laufe ich durch den Ort zum Auto zurück und mache mich auf den Weg zurück nach Kapstadt.

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Der alte Hafen von Hermanus

Dass Hermanus in Oberzentrum in der Region ist, merke ich schnell daran, dass ich vor dem Verlassen des Ortes eine gute Viertelstunde im Stau stehe. Damit hätte ich hier nicht gerechnet. Für den Rückweg suche ich mir eine kurvige Straße durch die Berge aus, die auf der Karte mit einem Smiley gekennzeichnet ist, was soviel bedeutet wie "Byways that we found interesting or attractive". Leider verpasse ich den Abzweig zu dieser Straße und fahre stattdessen direkt auf die N2, was aber nicht schlimm ist, da auch diese Autobahn ein paar sehr reizvolle Stellen hat. Es gibt ein paar Pässe, besonders bei der Abfahrt vom Sir Lowry's Pass herunter in die Cape Flats habe ich eine tolle Aussicht. Die kann ich leider wegen des Verkehrs und der wieder sehr tief stehenden Sonne nicht richtig genießen, aber ich gewinne eine Ahnung davon, wie schön der Blick sein kann.

Auf der Rückfahrt stelle ich noch eine Besonderheit an meinem Auto fest. Nachdem mir Netty ein paar Tage vorher versichert hat, dass die blinkende Warnleuchte eine Macke aller VWs in der Gegend ist und ich mich verunsichern lassen soll (das hätte ich mal auf dem Weg nach Paternoster wissen sollen!), sind die kleinen Kugelgelenke der Außenspiegel etwas instabil. Bei Geschwindigkeiten über 110 km/h sorgt der Fahrtwind dafür, dass die Spiegel "automatisch" einklappen und das Auto die Ohren anlegt. Das ist bei hohen Geschwindigkeiten auf der Autobahn sehr, sehr nervig...

Entlang der Townships auf der N2 werde ich oftmals Zeuge eines bei uns kaum denkbaren Manövers: Ein Taxi oder Kleinlaster mit einer Ladefläche voller Leute hält an, ein paar Mitfahrer steigen aus und überqueren die Autobahn, um ihre Township auf der anderen Straßenseite zu erreichen. Teilweise sitzen die Leute sogar länger auf dem befestigten Mittelstreifen und warten auf eine Lücke in Verkehr. Das Überqueren einer Autobahn scheint hier kein (Selbst)Mordversuch zu sein, sondern ein ganz normales Verhalten.

Abends mache ich nicht viel. Frederik ist leider zu krank, um mit mir ein Bier trinken zu gehen. Dafür habe ich viel Zeit, mein Tagebuch zu schreiben. Damit hänge ich ein paar Tage hinterher.


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