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Mehrere ungewöhnliche Dinge passieren an diesem Morgen. Zum einen ist ganz übles Wetter, es ist kalt und windig, ab und zu regnet es auch. Ärgerlich, denn ich wollte heute eine Tour ins Hinterland machen, in Richtung Paarl, wo es das "Paarl Mountain Nature Reserve", einen großen Naturpark, gibt. Der Reiseführer empfiehlt diese Anlage sehr und erwähnt besonders einen Rundweg, den man entweder befahren oder bewandern kann.
Die zweite ungewöhnliche Sache ist, dass meine Mitbewohnerin Regine mich fragt, ob wir nicht etwas zusammen unternehmen wollen. Das überrascht mich, da ich in den letzten Tagen nicht das Gefühl gewonnen habe, als ob ihr viel daran gelegen wäre, Zeit in meiner Umgebung zu verbringen. Regine hat kein Auto zur Verfügung und ist für solche Unternehmungen immer auf andere angewiesen. Ich finde es eine gute Abwechslung, mal nicht allein unterwegs zu sein. In Paarl war sie auch noch nicht und auf dem Rückweg wollen wir noch in Stellenbosch vorbeischauen. Beides sind Orte in den Weingebieten, ca. 60 km östlich von Kapstadt.
Bevor wir losfahren, gehe ich noch kurz auf ein schnelles Frühstück zur Brownlow Road hoch und esse im Daily Deli das Full English Breakfast. Am späten Vormittag steigen wir in meinen Golf und fahren los. Die Fahrt aus der Stadt heraus führt über die Autobahn N1. Als wir die große Einkaufsmall Century City passeren, fängt es ziemlich an zu regnen. Ich sehe ein wenig schwarz für eine Wanderung und überlege innerlich schon, was man stattdessen machen kann. Heute wäre ein prima Tag für die Museen gewesen, die ich bislang vernachlässigt habe.
Kurz vor Paarl hört der Regen zum Glück auf. Es bleibt zwar wolkenverhangen, aber immerhin werden wir nicht nass. Eine große Wanderung ist heute wohl nicht drin, dafür ist das Wetter zu unsicher. Aber man kann ja auch mit dem Auto durch den Park fahren.
Unsere erste Station in Paarl ist das Touristenbüro. Dort erkundige ich mich nach den Wegen im Park und bekomme von der Mitarbeiterin für wenig Geld eine Karte ausgehändigt. Außerdem weist sie darauf hin, dass einige der Wege im Park momentan repariert werden und schwer passierbar sind. Dann fahren wir wieder heraus aus der Stadt und halten uns in Richtung Süden.
Die Einfahrt zum Park liegt in der Nähe des Afrikaanse Taal Monument, einem großen Monument, das zu Ehren der Sprache Afrikaans errichtet wurde. Das finde ich natürlich sehr interessant und Regine möchte es auch gerne sehen. Am Kassenhäuschen zahle ich 10 Rand und schmuggele Regine für 2 Rand als Studentin durch. Auf den Eintrittskarten, die wir erhalten, steht das Motto des Monuments: "Dit is ons erns."
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| "Dit is ons erns." 'Nuff said. |
Wir stellen das Auto auf einem fast leeren Parkplatz ab und nähern uns dem Monument. Es ist ein sehr befremdlicher Eindruck, der sich in mir breit macht, als ich das Monument aus der Nähe betrachte. Es ist groß. Sehr groß. Es besteht aus Beton, sehr viel Beton. Und wirkt etwas verstörend. In einer Bodenplatte vor der ersten Treppe ist ein weiteres Mal das Motto eingelassen. Redundant -- denn wenn man das Monument sieht, bleibt kein Zweifel an der Ernsthaftigkeit dieses Anliegens. Mein erster Gedanke ist: "Wie ein wenig Nordkorea mitten in Südafrika". Sowohl von der Größe als auch von der Deplaziertheit her wirkt es wie ein Denkmal des real existierenden Sozialismus. Wenn auch ein wenig zu modern dafür mit seinen runden Formen.
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| Ausschnitte aus dem Afrikaanse Taalmonument | ||
Als wir die kleine Erklärungstafel betrachten, die vor dem Monument angebracht ist, kann ich mein Unbehagen endlich benennen. Dieses Monument symbolisiert die Bedeutung der Sprache Afrikaans. Es setzt sich aus sechs Elementen zusammen, die so schillernde Namen wie "Der klare Westen", "Das magische Afrika", "Die malaische Sprache und Kultur" oder "Die Republik" tragen. Das wichtigste und mit 57m hervorstechendste Element ist Afrikaans.
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| Ausschnitte aus dem Afrikaanse Taalmonument | ||
Insgesamt nimmt Afrikaans umgefähr 75% des Denkmals ein. Mit anderen Worten: Afrikaans ist mit großem, großem Abstand das konstituierende Merkmal der südafrikanischen Kultur. So gewaltig, dass es alle anderen Bestandteile um ein vielfaches überragt. Wenn man sich nun in Erinnerung ruft, dass diese Sprache für ungefähr 85% der Bevölkerung nicht die Erstsprache ist, dass sie für große Teile der Menschen in Südafrika über Jahrzente hinweg ein Instrument der Unterdrückung darstellte, dann wird einem schlagartig klar, dass dieses Gebilde an Arroganz und Kaltschnäuzigkeit kaum zu überbieten ist. 1976 kamen in Soweto hunderte von Menschen ums Leben, weil sie sich dagegen wehrten, die Sprache der Buren als verpflichtende Unterrichtssprache in den Schulen anzuerkennen. Die Selbstherrlichkeit, mit der die weißen Afrikaner ihre Sprache zelebrierten, muss ein Schlag ins Gesicht für den größten Teil der Bevölkerung gewesen sein.
Dieser Gedankengang und das ganze Monument an sich sind Wasser auf die Mühlen meiner Überlegung zur Rolle von Afrikaans im post-Apartheid Südafrika. Es zeigt auch die Zerrissenheit des Landes: Einerseits wird -- wie am Kap der guten Hoffnung -- Afrikaans aus dem Alltag verdrängt, indem Schilder auf Englisch aufgestellt werden, andererseits huldigt man mit einem solchen Monument und dem Sprachmuseum (ebenfalls in Paarl) der Sprache Afrikaans. Das kann auf Dauer nicht gut gehen.
Nach all diesen Eindrücken machen Regine und ich uns etwas später wieder auf den Weg zu Auto, um die Einfahrt in das Paarl Mountain Nature Reserve zu finden. Was an diesem Park so besonders ist, sind die riesigen Granitfelsen, die der Stadt ihren Namen gegeben haben (Paarl = Perle). Wenn die Steine regennass von der Sonne beschienen werden, glänzen sie wie Perlmutt. A propos Sonne: Das Wetter hat sich noch ein wenig beruhigt und -- obwohl es sehr windig ist -- scheint ab und zu die Sonne durch die Wolken.
Unser erstes Ziel sind die Paarl Rocks, die kleineren der Felsen. Auf dürftigen Schotterpisten gelangen wir schließlich hin. Regine hat leider nicht die passenden Schuhe an, um auf dem glatten Fels umherzuklettern (leichte Sneaker sind kein gutes Schuhwerk, wenn eine Wanderung droht), aber ich lasse mich nicht davon abhalten. Nach ein paar Minuten Kletterei über die Felsen gehe ich zum Auto zurück.
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| Auf den Paarl Rocks. Wenn kein Wind wäre, könnte man hier oben bestimmt prima picknicken. | |
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| Bretagneklip |
Ein paar hundert Meter weiter den Weg entlang kommen wir zu den beiden größeren Felsen, dem Bretagneklip und dem Gordon's Rock. Mein Versuch, mit dem Auto direkt heran zu fahren, scheitert. Ich glaube, wir sind nur ganz kurz an einem Achsbruch vorbeigeschliddert. Dann müssen wir halt mal zweihundert Meter zu Fuß gehen. Der Bretagneklip sieht gewaltig aus. Ich bezweifle, jemals zuvor einen so großen Felsen gesehen zu haben. Keine Frage, dass ich auch hier heraufklettern möchte. Ich werfe Regine die Autoschlüssel zu und suche eine geeignete Stelle zum Aufstieg. Der Fels ist wirklich sehr groß. Es gibt einen vorgegebenen Weg, wie man dort hinaufkommt, sogar ein paar Stufen und ein Geländer sind in den Fels hineingeschlagen. Toller Blick von ganz oben. Im Osten ragen die Klein Drakensteinberge in die Höhe, im Westen könnte man bis nach Kapstadt schauen, wenn das Wetter nicht so mies wäre. Die tief hängenden Wolken verschleiern die Sicht. Hier oben ist es so windig, dass ich mich nicht lange aufhalten mag. Außerdem wartet Regine im Wagen auf mich. Auf dem Rückweg finde ich sogar noch einen etwas bequemeren Weg nach unten, der mir beim Aufstieg einige etwas waghalsige Schritte erspart hätte.
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| Auf dem Bretagneklip | |||
Nach der Hügelepisode machen wir uns auf die Suche nach dem besonders empfohlenen Rundweg. Dank der Karte und dem GPS finden wir den Weg auch schnell. Der Weg dort wird sehr schmal, eigentlich ist es eher ein Wanderweg und ich hätte nichts dagegen, ihn zu Fuß entlangzulaufen. Mit dem Auto ist es etwas anstrengend. Die Schlaglöcher snid riesig, häufig ist der Weg so eng, dass ich mit dem Auto die Dornenbüsche am Rand mitnehme. Gut, dass ich mir bei dem alten Wagen keine Sorge um Kratzer machen muss. Wir müssen so langsam und vorsichtig fahren, dass es häufig sinnlos ist, in den zweiten Gang hoch zu schalten. Die 4,2 km kommen mir endlos vor. Schade eigentlich, bei schönem Wetter und zu Fuß wäre das bestimmt ein prima Weg gewesen.
Als wir den Rundweg hinter uns gebracht haben, fahren wir wieder Richtung Ausgang. Es ist mittlerweile Nachmittag geworden und wir wollen noch nach Stellenbosch. Für den Weg dorthin suchen wir uns auf der Karte eine kleinere Straße aus, die über einen Pass nach Stellenbosch führt, statt über die Autobahn und die viel befahrene Landstraße zu fahren. Obwohl wir die Augen wirklich offen halten, verpassen wir aber die Abfahrt zur R45 und nehmen dann doch den nicht so reizvollen Weg.
Bei der Einfahrt nach Stellenbosch tun wir uns schwer mit der Orientierung. Es herrscht reger Verkehr und meine Copilotin hat ein paar Probleme, die Karte zu deuten. So groß ist Stellenbosch aber doch nicht und nach zehn Minuten Herumkurverei stellen wir das Auto auf einer Durchfahrtstraße etwas östlich vom Zentrum ab. Gleich zwei Parking Attendants versichern uns, dass sie auf das Auto aufpassen. Der erste sieht etwas unzuverlässig aus, dem zweiten sage ich, dass er sich mit dem ersten arrangieren soll. Bin gespannt, wie das ausgeht, wenn wir wiederkommen.
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| Der große Platz in der Stadtmitte von Stellenbosch |
Stellenbosch macht einen sehr hübschen, gepflegten Eindruck. Es ist eine sehr historische Stadt mit einer renommierten Universität. Viel alte Bausubstanz ist erhalten geblieben und zumindest in der Innenstadt auch schön renoviert. Nach ein wenig Suchen finden Regine und ich ein ansprechendes Café. Mit den weißen Tischdecken, die lang an den Tischen herunterhängen sieht es eher aus wie ein Restaurant. Wenn man aber drin sitzt, ist es doch "nur" ein Café mit kleinen Mahlzeiten. Die Kellnerin ist äußerst schnuckelig und erklärt uns mit großen Enthusiasmus die Speisekarte. Regine wählt ein Camembert Sandwich mit Butternut (einer Art Kürbis), ich entscheide mich für überbackene Nachos. Das Essen ist sehr lecker und ich fühle mich in Regines Gesellschaft recht wohl an diesem Nachmittag.
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| Mit Regine im Café |
Nach dem Essen laufen wir noch ein bisschen durch die Stadt. Ein größeres Museum, das über mehrere Gebäude hinweg die Wohnstile der verschiedenen Epochen dokumentiert, weckt Regines Interesse. Allerdings ist es kurz vor 17 Uhr und sie sind gerade dabei zu schließen. Doch der freundliche Museumswächter, der gerade die letzte Gruppe Besucher des Tages in eins der Häuser einlässt, hat ein Einsehen und winkt uns mit durch, sodass wir wenigstens kurz die Gelegenheit haben, in dieses Wohnhaus des 19. Jahrhundert hineinzuschauen.
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| Ein paar sehr typische Gebäude in Stellenbosch | ||
In einem großen Bogen über den weitläufigen Platz in der Stadtmitte gehen wir in Richtung meines Autos zurück. Wir machen noch Fotos vom ältesten Haus der Stadt und einer lustig eingemauerten Kirche. Stellenbosch gefällt mir sehr gut. Man kann fast überlegen, für den nächsten Urlaub in der Region nicht Kapstadt als Übernachtungsort zu wählen, sondern Stellenbosch. Die Berge zum Wandern sind näher und an schönen Cafés und Restaurants mangelt es hier auch nicht. Wenn man nicht auf das Nachtleben der Großstadt angewiesen ist, ist das bestimmt keine schlechte Idee.
Hundert Meter vom Auto entfernt wartet der selbsternannte Parkwächter auf seinen Obulus. Ich gebe ihm drei Rand, was er als Frechheit empfindet. Ich erwidere, dass der andere wohl auch noch ein Trinkgeld erwartet und dass ich keine Lust habe, zweimal zu bezahlen. Er ist nicht glücklich darüber, aber ich lasse mich auf keine Diskussion ein. Der andere Parkwächter ist natürlich mittlerweile verschwunden. Richtig ernst kann er es mit dem Aufpassen ja nicht gemeint haben.
Die Fahrt zurück nach Kapstadt führt uns über die Landstraße R310 auf die Autobahn N2, die ich schon gestern auf dem Rückweg aus Hermanus gefahren bin. Das Schauspiel an den Townships wiederholt sich: Die Leute werden mehr oder weniger mitten auf der Straße rausgelassen und versuchen dann, in waghalsigen Manövern auf ihre Straßenseite zu gelangen. Außerdem steht die Sonne wieder so tief, dass ich Schwierigkeiten habe, vor lauter Blinzeln etwas vom Verkehr mitzubekommen.
Für den Abend ist ein Besuch im Dizzy's Jazz Café in Camps Bay vorgesehen. Dienstags abends ist dort Karaoke-Nacht. Not exactly my cup of tea, aber Regine hat versprochen, mit ein paar Freundinnen an dem Abend eine Karaokenummer zum Besten zu geben. Weiterhin haben sich auch Nadja und Frederik angesagt, die ich ebenfalls gerne wiedersehen möchte. Wird ein netter Abend.
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| Deutsche Karaoke Combo singt "Eternal Flame" |
Ich bin allerdings heilfroh, meinen Lärmschutz mitgenommen zu haben. Selbst mit diesen high-tech Ohrstöpseln ist es noch recht laut, als ich einen davon zwischendurch mal rausnehme, bläst es mir fast das Hirn aus dem Schädel. Brrr... Stelle fest, dass Karaoke wirklich nicht mein Ding ist, aber das Zusammensein mit den Leuten aus der WG und den anderen Deutschen dort ist nett.
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