Sonntag, 02.10.2005

Kapstadt, Robben Island

An meinem letzten Tag stehe ich wieder früh auf. Bevor am Abend der Rückflug nach Hause ansteht, möchte ich die letzte Gelegenheit nutzen, noch die ehemalige Gefängnisinsel Robben Island zu besuchen. Es war gar nicht so leicht, Karten dafür zu bekommen. Ich hatte es ja schon vor einigen Tagen versucht, spontan ein Ticket zu kaufen, musste dann aber erfahren, dass selbst in der Nebensaison die Touren auf zwei Tage im Voraus ausgebucht sind. Für den zweiten Anlauf bin ich besser vorbereitet: Vorgestern habe ich telefonisch einen Platz reserviert. Das war erfolgreich! Nun habe ich einen Platz auf der Fähre, die um 10:00 Uhr die V&A Waterfront verlässt. Check in ist um 09:30, in der halben Stunde dazwischen bleibt noch Zeit, die Ausstellung im Fährterminal zu besichtigen.

Die Ausstellung ist gut gemacht. Sehr viele Dokumente und Zeitzeugenberichte stimmen mich auf den Besuch der Gefängnisinsel ein. Besonders erwähnenswert finde ich an dieser Ausstellung die Dokumentation der Repressionen, denen die weißen Gegner der Apartheid ausgesetzt waren.

Um 09:50 bildet sich vor den Glastüren zum Kai eine große Schlange. Ich reihe mich ein und warte darauf, dass wir auf die Fähre gelassen werden. Als die Türen sich schließlich öffnen, werden die Gäste wie bei der Kontrolle auf dem Flughafen durch einen Metalldetektor geschickt.

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Im Fährterminal

Auf der Fähre, einem Katamaran, sind die Plätze auf dem oberen Deck schon belegt. Ich bleibe unten am Heck stehen. Hier ist freier Blick gewährleistet: Einerseits auf die Stadt, von der wir uns entfernen, andererseits zum Himmel, damit das GPS den Weg mitschreiben kann.

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Fahrt durch den Hafen auf dem Weg nach Robben Island.

Die Fahrt zur Insel dauert eine halbe Stunde. Im Hafen angekommen, merke ich sofort, dass Afrika nicht notwendigerweise ineffizient und schlecht organisiert sein muss. Es bleibt nicht viel Zeit, den Hafen zu betrachten, bevor meine Besuchergruppe in die beiden wartenden Busse gelotst wird.

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Die Hafenanlagen auf Robben Island

Nachdem alle vierzig Plätze belegt worden sind, steht vorne ein junger Südafrikaner auf, der sich vorstellt und uns darauf vorbereitet, was uns in den nächsten Stunden erwarten wird. Zuerst werden wir eine Dreiviertelstunde im Bus über die Insel fahren. Für die Stunde danach kündigt er uns einen Gefängnisaufenthalt an. Ein ehemaliger politischer Gefangener wird uns durch die Gebäude führen, die früher das Hochsicherheitsgefängnis waren. Danach werden wir zurück zum Hafen gehen und mit der Fähre nach Kapstadt zurückfahren. Doch bevor es losgeht, macht er noch ein Kennenlernspielchen mit uns: Die Gäste werden nach ihren Nationalitäten befragt. Dabei begrüßt er jedes Land einzeln und versieht den Gruß auch noch mit einem mehr oder weniger netten Kommentar. Bei den Engländern und den Niederländern zum Beispiel: "Welcome to South Africa again. And welcome to Robben Island again. We hope you don't colonize us again. Ungewöhnlicherweise bin ich der einzige Deutsche im Bus, wo doch ansonsten so viele Deutsche in Kapstadt unterwegs sind. Der Kommentar zu den Deutschen ist jedenfalls: "And thank you very much for your support during our struggle against Apartheid."

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Das Tor vom Hafen zum Rest der Insel.

Da wir nun wissen, wo unsere Sitznachbarn herkommen, fährt der Bus los. Wir erfahren eine Menge über die Geschichte der Insel. Bis 1836 diente sie als Gefängnis, dann folgten knapp hundert Jahre (bis 1931), in denen die Insel eine Lepra-Kolonie beherbergte. Bis in die fünfziger Jahre hinein war sie eine Militärbasis und wurde danach zum Hochsicherheitsgefängnis für politische Gefangene ausgebaut. Zuerst besuchen wir ein sehr altes Gefängnisgebäude, das Robert Sobukwe House. Sobukwe war einer der ersten politischen Gefangenen auf der Insel.

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Robert Sobukwe House

In einer großen Tour rund um die Insel fahren wir an einigen Sehenswürdigkeiten vorbei: Dem Gästehaus der Museumsleitung (in dem früher der Gefängnisdirektor residierte), dem kleinen Ortskern mit Supermarkt und Schule, einigen Resten der militärischen Nutzung und schließlich zu dem Steinbruch, in dem die Gefangenen ihre Zwangsarbeit verrichtet haben.

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Das ehemalige Direktorenwohnhaus. Der Steinbruch mit der "University of Robben Island". Angeblich reichte der Steinbruch früher bis zu dem Grasfleck im Vordergrund.

Besonders der Steinbruch ist sehr eindrucksvoll. Unser Fremdenführer schildert uns sehr bildhaft, unter welch brutalen Bedingungen die Gefangenen hier gearbeitet haben. Mit praktisch bloßen Händen, minimaler Kleidung und unter der Aufsicht von Wachen mit Schießbefehl haben sie über mehrere Jahrzehnte hinweg den Kalkstein abgebaut, der für den Bau von Straßen und Gebäuden auf der Insel verwendet wurde. Eine Höhle führt in den Steinbruch hinein. In diesem Loch, so der Fremdenführer, haben sich die Gefangenen untereinander lesen und schreiben beigebracht. Außerdem seien in hier in den kurzen Pausen "größere Teile der südafrikanischen Verfassung" geschrieben worden. Deshalb nenne man diese Höhle auch "The University of Robben Island". Ein sehr beeindruckender Ort.

Am Haupttor des Gefängnisses verlassen wir den Bus. Der Guide bittet uns noch, alle Kamerataschen mitzunehmen, sie hätten wirklich schon genug davon in ihrem Fundbüro.

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Haupteingang zum ehemaligen Hochsicherheitsgefängnis. Sparks führt uns durch das Gefängnis, in dem er früher eingesessen hat.

Am Eingang des Gefängnisses begrüßt uns Sparks. Er wird unser Führer bei der Tour durch das Gefängnis sein. Er hat selbst einige Jahre als politischer Gefangener hier verbracht. In den folgenden 75 Minuten führt er uns durch die verschiedenen Sektionen des Gefängnisses. Von den Rezeptionsbüros, wo die Gefangenen registriert wurden, über die Innenhöfe, in denen die Zwangsarbeiter arbeiten mussten, bis zu den Zellenblöcken. Viele der Räume sind einfach leer, doch manche dienen durch Texte oder Fotos der Dokumentation von Einzelschicksalen. Es sind sehr bewegende Berichte darunter.

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Einzelzellen mit Zeugnissen ehemaliger Gefangener

In einem Zellenblock staut sich der Besucherstrom. Hier liegt, auf der Hälfte, eines langen, schmalen Ganges die Zelle, in der Nelson Mandela über viele Jahre untergebracht war. Nur sehr langsam geht es voran, jeder will diese karge Kammer fotografieren. Von hinten drängt die nächste Besuchergruppe heran und es bleibt gar keine Zeit, kurz inne zu halten und einen genaueren Blick auf die sorgfältig gefalteten Wolldecken auf dem Boden zu werfen, oder gar den Erläuterungen unseres Fremdenführers zuzuhören. Er ist ohnehin schon zu weit vorne und ich beeile mich ein wenig, wieder Anschluss an meine Gruppe zu finden.

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Vor Nelson Mandelas Zelle. Wenn der akustische Alarm ausgelöst worden war, zeigten die Signallampen den Wächtern, welcher Gefangener in seiner Zelle gesprochen hat.

Es fügt dem Erlebnis dieses Gefängnisses schon eine besondere Authentizität hinzu, dass wir hier von einem "echten" Gefangenen durchgeführt werden. Doch in manchen Momenten ist die Kommentierung zum Weglaufen. Nicht wegen des Inhalts, sondern wegen der Sprechweise. Die meistgebrauchten Ausdrücke sind "the ex-political prisoners", "the authorities" und "Nelson Rolihlahla Mandela". Mindestens einer dieser Ausdrücke kommt in fast jedem zweiten Satz vor. Was mich halb irre macht, ist, dass diese drei Ausdrücke immer mit derselben Sprechmelodie ausgesprochen werden; unabhängig vom Kontext des Satzes, in dem sie verwendet werden. Nichtsdestotrotz ist eine solche Führung eindrucksvoller, als mit einem Audio Guide am Ohr durch die Räume zu laufen.

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In einer großen Gemeinschaftszelle nehmen wir auf den Bänken entlang der Wände Platz. Sparks erklärt uns zum Abschluss noch das perfide System, mit dem die Gefangenen auf der Insel ihre Namen ablegen mussten und nur noch Nummern waren. Dann gibt es noch kurz die Gelegenheit, ein paar Fragen zu stellen, doch offenbar haben wir schon sehr lange für die Tour gebraucht und Sparks schaut deutlich auf die Uhr. Bestimmt wartet seine nächste Gruppe schon in der Nähe des Eingangs.

Durch einen Nebeneingang verlassen wir das Gefängnisgelände. Der Hafen ist nur wenige hundert Meter entfernt. Bis zur Abfahrt der Fähre ist noch etwas Zeit, in der ich kurz durch den Souvenirshop schaue. Da ist aber nichts, was ich unbedingt als Mitbringsel kaufen muss, außerdem gehen meine Rand-Vorräte zur Neige.

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Gegen 13 Uhr sind wir wieder in Kapstadt an der V&A Waterfront. Ich gehe zum Auto und fahre zurück in die Tamboerskloofroad. Auf dem Weg dorthin gelingt es mir noch, endlich das Foto der halbvollendeten Autobahnbrücke zu machen, die etwas verloren mitten in der Stadt steht. Einer der Mitbewohner hatte erzählt, dass sie wegen eines denkmalgeschützten Hauses nicht weitergebaut wurde.

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Den Nachmittag verbringe ich in der WG. Eigentlich schade bei dem schönen Wetter. Aber ich muss noch die letzten Sachen packen. Außerdem steht die Endabrechnung an und ich muss das Auto zurückgeben. Adam ist nicht wieder aus Deutschland zurück, Netty hat keine Zeit, daher mache ich die Abrechnung mit Alexander. Um 17 Uhr fahren mich Matthias und Alexander zum Flughafen. Wir nehmen mein Auto, was mir eine schöne Abschiedsfahrt ab Tafelberg vorbei zur N3 und N2 in Richtung Flughafen ermöglicht. Sehr lieb: Als wir in der Nähe der Wohnung auf der Kloofnek Road an einer Ampel stehen, winken mir Tessa und Steffi vom Balkon des Restaurants im ersten Stock aus nochmal zum Abschied herzlich zu. Das ist ein schöner Anblick, der mir bis in den Abend hinein hilft, meine Laune hochzuhalten. Gerne fahre ich hier nicht weg. Ich habe mich besonders in den letzten Tagen sehr wohl gefühlt mit der WG. Das war wirklich einer der Höhepunkte des Urlaubs.

Am Flughafen heißt es dann endgültig Abschied zu nehmen. Es ist wirklich seltsam: Keine zwei Wochen zuvor bin ich durch dieselbe Tür herausgetreten und hatte nicht den Hauch einer Ahnung, was mich erwarten würde. Nun kommt mir hier alles schon sehr viel vertrauter vor und ich bin froh über all das, was ich in den letzten zwei Wochen erlebt habe.

Da es noch früh ist, ist es am Check in sehr leer. Schnell erhalte ich meine Bordkarte. Einen Fensterplatz konnte man mir leider nicht mehr geben, schade. Aber vielleicht habe ich direkt am Gate noch Glück und werde dort umgesetzt. Schnell setzt die Flughafen-Routine ein: Durch die Sicherheitskontrolle und ab in den Abflugsbereich. Zwei Stunden dauert es noch bis zum Einsteigen. Meine letzten Rand gebe ich in einem Duty-Free Shop für eine Riesen-Rolle Mentos aus. Mein Hals kratzt etwas und ich habe einen leichten Husten. Echte Hustenbonbons gibt es in diesen Läden nicht, aber Mentos schmecken zumindest ein wenig ähnlich.

Beim Einsteigen gegen 20:00 Uhr habe ich Glück: Ich bekomme doch einen Fensterplatz. Sogar auf der "richtigen" Seite des Flugzeugs. Wir starten nach Süden und durch den Platz auf der rechten Seite habe ich einen fabelhaften Blick auf die Cape Flats mit den Townships, dann auf die Kaphalbinsel und schließlich, nach der langen Kurve, zieht in einigen tausend Metern unter mir die hell erleuchtete City Bowl vorbei. Das alles bei wolkenlosem Himmel. Grandios. Ein wunderbarer letzter Blick.


Copyright (c) 2005 Alexander (reiseberichte@barmblognord.com).
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