Mittwoch, 10.11.2004

Queenstown

Bin früh wach -- wieder gegen 6 Uhr. Bleibe aber noch ein wenig liegen und stehe gegen 07:30 Uhr auf. Die Fahrt nach Manapouri wird ungefähr vier bis fünf Stunden dauern. Um nicht zuviel Zeit zu verlieren, packe ich schon jetzt meine Sachen und entscheide, mit dem Auto in die Stadt zu fahren. Ich checke aus und gehe zum Wagen, den ich auf der Straße geparkt habe. Dann beginnt ein etwas peinlicher Kampf mit dem Auto: Der blöde Sicherheitsgurt lässt sich einfach nicht herausziehen und blockiert schon nach wenigen Zentimetern. OK, also nochmal: Laaangsam und gefühlvoll und ziehen und BLOCK! Das Spiel wiederholt sich einige Male. Nach zehn Minuten fruchtlosen Versuchens komme ich mir ein wenig doof vor und gebe mich geschlagen. Das Auto bleibt, wo es ist und ich gehe zu Fuß in die Stadt. Am Kreisverkehr finde ich die Filiale von NZ Rent A Car, wo ich Jim mein Leid mit dem Gurt schildere. "Are you standing on a slope?" Ja, die Straße, auf der ich geparkt habe, ist ziemlich steil. Dann, so höre ich, sei das völlig normal. Ist ein Sicherheitsfeature bei neuseeländischen Autos. Wenn ich den Wagen wieder in die Horizontale bewegt habe, wird's gehen. Ich weiß nicht, ob ich mich nun total lächerlich gemacht habe. Muss in Deutschland mal jemanden fragen, ob das bei uns auch so ist.

Zum Frühstück mache ich mich auf die Suche nach dem Vudu Café, das im Lonely Planet empfohlen wird. Es ist deutlich leichter zu finden als die Burgerbude am Vorabend. Ist aber auch egal, denn das Café hat an diesem Tag wegen Renovierung geschlossen. Das Naff Café liegt nur ein paar Meter weiter in der Häuserzeile zwischen Seepromenade und Shotover Street. Zum Frühstück gibt es einen Stapel Pancakes mit Sirup, Banane und Bacon. Die Zubereitung mit dem Speck und dem Puderzucker auf der Banane hatte ich vergessen, doch es schmeckt sofort wieder sehr lecker. Im Café sitze ich lange und schreibe im Tagebuch weiter. Ab und zu schaut ein kleiner Spatz rein, hüpft zwischen den Tischen hin und her und fliegt wieder raus. Fünfmal passiert das, doch der Vogel ist zu schnell, als dass ich ein Foto schießen könnte.

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Shotover Street, durch das Fenster des Naff Café Reste eines reichlichen Frühstücks

Nach fast zwei Stunden verlasse ich das Café und gehe in Richtung Supermarkt, um ein wenig Proviant und Wasser für die Fahrt zu kaufen. Es verspricht ein sehr warmer Tag zu werden. Das merke ich vor allem daran, dass es am Kopf sehr warm wird. Kein Wunder, habe ich doch meine Mütze im Café vergessen. Zum Glück liegt sie noch dort.

Mit Müsliriegeln, Wasser und Keksen versorgt verlasse ich den Supermarkt und schaue auf dem Weg zurück zum Hostel noch eben beim DOC Visitor Centre vorbei. Queenstown und seine Umgebung scheint ja auch abseits der Extremsportarten einiges zu bieten. Vielleicht finde ich ja einen schönen Day Walk, für den es sich lohnt, zurückzukommen. Die DOC Centre sind echt Gold wert. Die Leute sind wahnsinnig freundlich und hilfsbereit, das Kartenmaterial und die Broschüren sind sehr gut und vor allem erschwinglich. Kaum ein Exemplar kostet mehr als $1.

Beim Verlassen des DOC Centre spricht mich die deutsche Frau aus dem Lounge Room von gestern abend an, ob ich einen Pullover vermisse. Der sei noch im Zimmer gewesen und die Putzfrau habe ihn gefunden. Mache mir ernsthaft Sorgen über meinen Geisteszustand, während ich den steilen Weg zur Hippo Lodge hochstapfe. Im Büro holt Liane schon beim Reinkommen das Fundstück aus dem Schrank und hält es mir mit einem breiten Lächeln entgegen. Nehme mir vor, demnächst dreimal zu prüfen, ob ich alles eingepackt habe, wenn ich ein Hostel verlasse.

Nun aber raus aus Queenstown! Sobald der Wagen wieder in der Horizontalen steht, funktioniert der Sicherheitsgurt sofort. Immerhin. Mit ein wenig Mühe finde ich den State Highway 6a und schließlich den SH6 nach Süden in Richtung Kingston. Die Fahrt am Ufer des Lake Wakatipu ist wunderschön. Rechts das tiefblaue Wasser, links erhebt sich die Gebirgskette der Remarkables. Das Auto fährt auch ganz gut, hat aber leider keine Klimaanlage -- aber stand nicht auf der Website, dass auch Wagen dieser Preisklasse klimatisiert sind? Egal, für $39 am Tag kann man auch nicht allzuviel erwarten. An einem kleinen Rastplatz mache ich halt und probiere die Müsliriegel aus dem Supermarkt. Sehr lecker, diese Marke muss ich mir merken.

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Lake Wakatipu

In Kingston biege ich von der Hauptstraße ab, um einen Blick auf die örtliche Touristenattraktion zu werfen: den Kingston Flyer, einen alten Zug, der von einer Dampflok gezogen wird. Vor 100 Jahren war der Kingston Flyer ein wichtiges Verkehrsmittel in dieser Gegend, heute fährt er nur noch einmal am Tag zu touristischen Zwecken die dreißig Kilometer lange Strecke hin und zurück. Der Zug steht -- glücklicher Zufall -- abfahrbereit am Bahnsteig. Die Lok dampft, raucht und zischt, wie man es von einer Dampflok erwartet. Am Bahnsteig stehen einige Väter mit ihren Kindern (hauptsächlich Söhnen, natürlich!), die das Spektakel mit großen Augen verfolgen. Sieht zwar verlockend aus, aber ich fahre trotzdem nicht mit und kehre im Auto zum SH6 zurück.

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Kingston Hauptbahnhof: Frauen sind hier fehl am Platz. Der Kingston Flyer

Nach einigen zig Kilometern biege ich an einer etwas unscheinbaren Kreuzung in Richtung Te Anau nach Westen ab. Die allermeisten Kreuzungen von Hauptstraßen sind eher unscheinbar. Die Hauptstraßen selbst auch, das ändert sich immer nur in der Nähe größerer Städte. Die Landschaft hat sich hier sehr verändert. Nicht mehr alpin, dafür wieder viel Farmland. Erst weit im Westen sind wieder hohe Berge zu sehen.

Manapouri

Am späten Nachmittag erreiche ich Manapouri. Das Freestone Backpacker liegt sehr idyllisch auf einem Hügel abseits der Straße. Bis zum Ort selbst sind es noch ungefähr drei Kilometer. Das Hostel besteht aus mehreren Hütten, die sehr hübsch über den Hügel verteilt sind. Außerdem gibt es noch das Wohnhaus des Besitzers, ein solides Steinhaus mit Küche und einigen weiteren Zimmern. Jimmy, der Besitzer, macht einen etwas kauzigen Eindruck. Es gab ein Missverständnis bei der Reservierung: Ich wollte ein Einzelzimmer haben, bin aber in einem Shared Room untergebracht. Ein echtes Einzelzimmer hat Jimmy nicht mehr, wohl aber einen Raum in dem Häuschen, in dem auch die Duschen untergebracht sind. Dort gibt es keine Küche und Heizung, außerdem momentan kein Licht, da die sündhaft teure Energiesparlampe kaputt gegangen ist und Jimmy erst nach Invercargill muss, um eine neue zu kaufen. Egal, ich nehme es trotzdem. Immerhin kostet es nur $20 die Nacht, was ungefähr die Hälfte eines normalen Einzelzimmerpreises ist. Einen Schlüssel gibt es nicht: "We don't need keys here." Okay.

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Einfahrt zum Freestone Backpacker Im Vordergrund meine Hütte Diese Art Wegweiser sind im Süden sehr beliebt So sieht es aus, wenn ich vor die Tür trete (und an der Sägemühle vorbeifotografiere).

Das Zimmer macht einen gemütlichen Eindruck. Es gibt ein großes Doppelbett, ein Etagenbett und noch eine einfache Schlafgelegenheit. Das Doppelbett ist frisch bezogen und sehr bequem. Die Waschräume mit Duschen und Toiletten sind zwar direkt nebenan, was aber den Vorteil hat, dass ich nicht nachts ewig lang laufen muss, um zum Klo zu kommen. Außerdem sehen die Duschen abenteuerlich aus -- es fehlt die Dusche. Zumindest die Duschwanne. Stattdessen gibt es ein Holzgitter auf dem Boden, auf das man sich beim Duschen stellt, und einen Abzieher, um den Raum wieder trocken zu kriegen. Bin sehr froh, die Badesandalen mitgenommen zu haben.

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Pragmatisch zu betrachtendes Badezimmer Jimmy und seine Allzweckschuhe (ehrlich!)

Nach ein wenig Ruhe fahre ich in den Ort und versuche, eine Aktivität für den Folgetag zu finden. Morgen will ich eine Fahrt auf dem Doubtful Sound unternehmen. Schnell stoße ich auf die Real Journeys Filiale am Anleger in Pearl Harbour. Dort bietet man verschiedene Touren über den Doubtful Sound und den Milford Sound an. Ich buche die Wilderness Cruise um 11:30 Uhr am nächsten Tag, Rückkehr gegen 19:45 Uhr. Der Spaß kostet zwar $227 inklusive Lunchpaket, aber es gibt keine sinnvolle andere Möglichkeit, den Doubtful Sound zu besichtigen. Zumindest nicht, wenn man nur wenig Zeit zur Verfügung hat. Na ja, und man kriegt schon etwas für sein Geld geboten: Überfahrt über den See, Besichtigung des unterirdischen Wasserkraftwerks, Busfahrt über den Wilmot Pass zum Doubtful Sound und die Kreuzfahrt bis raus zur Tasman Sea. Das wird ein voller Tag.

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Die Real Journeys Geschäftsstelle in Manapouri

Anschließend fahre ich noch zum Strand und werfe einen Blick auf Lake Manapouri. Sehr, sehr schön ist es hier, wenn auch etwas einsam. Ein Gedenkstein erinnert an den Bürgerprotest gegen den Plan, im Rahmen des Kraftwerkbaus das Niveau des Sees um 13 Meter anzuheben. Das hätte den Ort vernichtet und die Geographie der Gegend nachhaltig verändert. Bin sehr gespannt auf den Besuch des Kraftwerks morgen.

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Lake Manapouri

Am frühen Abend fahre ich nochmal los ins Dorf, um dort zu Abend zu essen. Ohne Auto kann man das Freestone Backpacker echt vergessen. Die drei Kilometer bis nach Manapouri fahre ich heute schon zum vierten Mal. Die Wahl fällt auf die Bar, die an das Motel angeschlossen ist. Dort soll es auch den einzigen Internet-PC am Ort geben. Dass die Wahl auf genau dieses Etablissement fällt, liegt vor allem daran, dass der andere Laden (das Café an der Dairy) bereits um 18:30 schließt. Manapouri ist mit seinen 210 Einwohnern (laut Lonely Planet) nicht ganz der Nabel der Welt. Echt ein Kaff. Doch das ist nicht untypisch für die Südinsel. Beim letzten Besuch war ich ja fast nur auf der Nordinsel. Die ist im Vergleich zu der Gegend hier wirklich sehr dicht bevölkert. Zum Abendessen gibt es eine Riesenportion Fish and Chips. Leider ist die Küche so offen, dass die Friteusen fast direkt im Speisesaal stehen. Ich kann mich schon drauf einrichten, dass meine Klamotten noch mindestens zwei Tage riechen werden, als ob ich selbst fritiert worden wäre. Zudem ist der famose Internet-PC kaputt und die Aushilfe an der Kasse komplett überfordert. Der Versuch, die Kasse zu öffnen, um mir meine zwei Dollar wiederzugeben, ist so erbärmlich, dass ich vorschlage, mir lieber eine Cola zu geben.

Obwohl es nicht spät ist, bin ich bei der Rückkehr im Freestone todmüde und schlafe sofort ein.


Copyright (c) 2004/2005 Alexander (reiseberichte@barmblognord.com).
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