| Einen Tag zurück | Startseite | Einen Tag weiter |
Der Morgen beginnt mit Getöse. Die Handwerker legen früh los mit der Renovierung der Badezimmer für die Männer. Die Renovierung hat direkte Auswirkung auf die Anzahl der verfügbaren Duschen und Toiletten: Es gibt eine kleine Schlange vor den beiden verbliebenen Badezimmern. Zum Frühstück esse ich heute English Muffins mit Rosinen, die es in Deutschland leider seit ein paar Jahren nicht mehr zu kaufen gibt.
Gegen 10 Uhr machen Anthony und ich uns auf den Weg zur Wanderung. Beim Heraustreten der Wettertest: Ist Mt. Cook heute sichtbar? Negativ. Erste Station ist das DOC Visitor Centre. Das Wetter soll heute nicht berauschend werden, aber immerhin besser als gestern. Ich kaufe noch eine Broschüre und es geht los in Richtung Kea Point. Bald erreichen wir den Abzweig, an dem sich Kea Point Track und Sealy Tarns Track trennen. Wir beraten uns kurz und entscheiden uns, zuerst zu den Sealy Tarns hochzuklettern. Der Track ist deutlich schwieriger und so erscheint es sinnvoller, die Wanderung dorthin zu unternehmen, solange das Wetter am Vormittag noch erträglich ist.
|
|
|
| Neblige Ansichten im Mt. Cook National Park | |
Der Pfad steigt sehr schnell an. Es gilt knapp 500 Höhenmeter zu überwinden, es geht fast nur über Treppen bergauf. Holzbohlen sind mit schweren Nägeln in den Fels gehauen und bilden Treppenstufen. Teilweise sind die Stufen sehr regelmäßig, teilweise aber auch sehr hoch, sodass man große Schritte machen muss. Je höher wir kommen, desto unregelmäßiger werden die Stufen. Mittlerweile ist es auch sehr kalt und windig. Obwohl es noch nicht regnet, ziehe ich die Regenjacke an, damit sie den Wind ein wenig abhält. Die Schneegrenze liegt heute bei ca. 1200m, also ist es klar, dass wir heute noch durch Schnee laufen werden.
|
|
|
| Hochachtung vor den Leuten, die hier die Treppen gebaut haben! |
Nach einer halben Stunde Aufstieg treffen wir auf Mandy. Sie sitzt allein am Weg und fragt uns, ob sie mit uns weiter nach oben kommen kann, offenbar traut sie sich den weiteren Aufstieg nicht allein zu. Klar nehmen wir sie mit. Schon bald stellt sich heraus, dass sie wirklich nicht besonders schnell ist. Anthony und ich machen häufiger Pausen und warten, bis Mandy wieder zu uns aufschließt. In der Höhe, die wir mittlerweile erreicht haben, ist es richtig windig. An exponierten Stellen muss man sogar halbwegs aufpassen, wenn eine Windböe kommt. Die Aussicht ist aber trotz der Wolken gewaltig. Wie sehen die Aussichtsplattform Kea Point am Rand der Moräne des Mueller Glacier. Weiter weg ist auch der Hooker Lake zu sehen. Nur von Mt. Cook fehlt jede Spur. Er hüllt sich auch an diesem Tag komplett in Wolken.
|
|
| Mt. Cook in Wolken. Davor der Hooker Glacier Lake und der Hooker River, der in den See des Mueller Gletscher mündet. |
|
|
|
| Hier ist es sehr windig. | Mt. Cook Village und das Hermitage Hotel |
Der Aufstieg wird immer beschwerlicher, doch schon bald kommt uns ein Wanderer entgegen und muntert uns auf, dass es nur noch wenige Meter bis nach oben seien. Mittlerweile laufen wir durch Schnee. Der Pfad ist sehr matschig und ich bin froh, meine Wanderschuhe zu haben, Anthony trägt nur Laufschuhe -- an seiner Stelle hätte ich schon Eisfüße. Nicht viel später erreichen wir das kleine Plateau, auf dem sich die Sealy Tarns befinden, doch von den Bergseen ist nicht viel zu sehen. Alles liegt unter einer Schneedecke. Doch wir haben Glück! Auf der Bank am Aussichtspunkt sitzt ein Kea ganz ruhig und schreckt auch nicht auf, als wir näher kommen. Mandy, Anthony und ich machen Fotos voneinander in allen Kombinationen. Der Kea verliert die Geduld und fliegt weg.
|
|
| Dieses Motiv taucht hier mehrfach auf, doch es ließ mich einfach nicht mehr los. |
|
|
|
|
| Die Sealy Tarns sind heute leider verschneit | Ein Kea | Mandy und Anthony |
Ganz kurz danach stößt Gaby, eine einsame Wandererin, zu uns. Ihre erste Frage ist, ob wir hier oben einen Kea gesehen haben. Tja, haben wir zwar, aber er ist ungefähr eine Minute vor ihr abgeflogen. Schade. Obwohl Anthony uns großzügig mit heißem, süßen Tee aus seiner Thermoskanne versorgt, wird es doch bald sehr kühl hier oben. Gaby schließt sich unserer Gruppe an, als wir nach einer halben Stunde den Abstieg beginnen.
|
|
| Es geht sehr steil bergab. |
Wie immer ist der Abstieg viel anstrengender als der Aufstieg und erfordert mehr Konzentration. Das andauernde Treppensteigen geht ziemlich auf die Knie. Anthony mit seinen zarten 19 Jahren hüpft behende voran, dann folgen Gaby und ich, schließlich Mandy, die auch beim Abstieg das Schlusslicht bildet. Nach einer knappen Stunde erreichen wir wieder die Abzweigung, an der wir drei Stunden früher aufgebrochen sind. Hier teilt sich unsere Gruppe wieder: Mandy geht zurück zum YHA Hostel, Gaby, Anthony und ich wollen noch die kurze Strecke zum Kea Point laufen.
Dort erreichen wir nach einer Viertelstunde den Aussichtspunkt. Der Blick über den See des Mueller Glacier ist schön. An guten Tagen hat man von hier aus einen guten Blick über Mt. Cook -- heute allerdings nur auf eine 1a Wolkenwand.
|
|
|
| Gaby und ich am Kea Point. Als ich sie später das erste Mal ohne Mütze sehe, erkenne ich sie kaum wieder. | Lupinen (höchstwahrscheinlich) |
Auf dem Rückweg zum Hostel unterhalte ich mich sehr angeregt mit Gaby. Sie ist unterwegs nach Queenstown, um von dort aus den Routeburn Track zu laufen. Sie erzählt viel von ihrer Zeit in Australien und ihrer Arbeit in Deutschland, wo sie bei einem Verein angestellt ist, der Schüleraustausche von und nach Deutschland organisiert. Dabei fallen wir ständig vom Englischen ins Deutsche und zurück, je nachdem ob Anthony gerade mal wieder einige Meter vorausrennt (wo nimmt er nur die Energie her?) oder wir zu dritt gehen.
Der heiße Pfefferminztee im YHA Hostel tut sehr gut. Bevor Anthony sich zum Mittagsschlaf hinlegt und Gaby und ich unsere Unterhaltung mit einer großen Tüte Kekse am Ofen fortsetzen, verabreden wir drei uns, am späteren Nachmittag einen weiteren Walk zu unternehmen. Nicht weit von Mt. Cook liegt der Tasman Gletscher, den wir noch zu dritt anschauen wollen. Bis dahin erfahre ich noch eine ganze Menge über Schüleraustausche. Ich finde es immer wieder spannend, zuzuhören, wenn Leute von Gebieten erzählen, von denen ich nichts verstehe, ja manchmal gar nicht weiß, dass es sie überhaupt gibt.
Am späten Nachmittag brechen wir zu dritt in Richtung Tasman Valley auf. Meine Landkarte weist diese Strecke zwar als "prohibited for rental cars" aus, doch davon lassen wir uns nicht abhalten. Die Straße macht für eine Schotterstraße einen ganz vernünftigen Eindruck. Sie führt ungefähr acht Kilometer in das Nachbartal hinein. Am Ende wartet ein gut ausgestatteter Parkplatz auf uns. Von dort aus führt ein Weg zum Tasman Glacier.
|
|
| Das Tasman Glacier Valley |
An der ersten Abzweigung entscheiden wir uns für den Weg zu Gletschersee. Den Blick auf den Gletscher selbst wollen wir als zweite Etappe nehmen. Auf dem Weg dorthin setzt wieder leichter Regen ein. Zwar ist es in diesem Tal bedeutend wärmer als im Mt. Cook Village, doch langsam ziehen die Wolken über die Berge auch hierüber. Der Weg zum Gletschersee nimmt zwanzig Minuten in Anspruch. Dort sieht es düster aus. Der See hat eine graue Farbe, vereinzelte Eisschollen schwimmen wie Skulpturen im Wasser. Ein wenig anheimelnder Anblick. Am anderen Ende des Sees kann man die Gletscherfront erkennen. Allerdings ist sie nicht schön blau-weiß, wie man es von einem Gletscher erwartet, sondern -- wie der See -- grau, da der Gletscher von Steinen und Felsen bedeckt ist. Am Ufer laufen in einiger Entfernung Leute herum, die gespannt auf den Boden gucken. Wahrscheinlich suchen sie Fossilien.
|
|
|
|
| Gaby überlegt sich, wo es langgeht. | Swiss on a rock | Wo nimmt der Mann die Energie her? Ach ja, 19... |
|
|
|
| Kein wirklich einladender Ort. Höchstens zum Fossilien suchen. | |
Es wird wieder etwas ungemütlich am Ufer, also gehen wir zurück in Richtung der ersten Abzweigung, um von dort aus zum Aussichtspunkt über den Gletscher zu gelangen. Auf dem Weg dorthin kommen uns zwei glückliche Männer entgegen, die durch lautes Rufen den Freunden am Ufer mitteilen, dass sie nun aufhören können zu suchen, eines der Mädchen habe den Autoschlüssel. Also doch keine Fossiliensucher.
Der Weg zum Gletscher führt an den Blue Lakes vorbei, drei kleinen Teichen, die aber eher grün als blau und nicht besonders ansehnlich sind. An der Aussichtsplattform schauen wir auf den Tasman Glacier. So beeindruckend er von seinen Ausmaßen her ist -- mit 29km Länge ist er der längste Gletscher Neuseelands --, so unspektakulär sieht er aus: Eine Wüste aus Geröll. Anthony ist ein wenig enttäuscht, er hatte einen schönen Gletscher so wie Fox oder Franz-Josef an der Westküste erwartet.
|
|
| "Blue" Lake Nr. 1 |
|
|
| Where is the glacier? |
Zum Abendessen im Backpacker gibt es die zweite Runde Spaghetti mit Pesto. Wenn man nicht ganz soviel nimmt davon, schmeckt es nicht so schlecht wie am Vorabend, eine Delikatesse wird es trotzdem nicht. Bei Gaby gibt es Nudelfertiggericht aus der Tüte (gute Wanderungsnahrung, wie sie glaubhaft versichert), Anthony kocht sich einen Riesenberg Chicken Satay (den er auch aufisst), Gaby und ich unterhalten uns über Gott und die Welt und der Abend wird immer besser. Doch auch der netteste Abend geht zu Ende. Ich lese noch kurz meine Mail am PC im Fernsehraum und zeige Anthony meine Fotos von der Tongariro Crossing vor zwei Jahren. Danach suche ich müde den Weg in Dorm 11 und klettere ins Bett.
| Einen Tag zurück | Startseite | Einen Tag weiter |
|
Copyright (c) 2004/2005 Alexander (reiseberichte@barmblognord.com).
This work is licensed under a Creative Commons License.
|
|
| http://barmblognord.com | |