Freitag, 19.11.2004

Wanaka

Beim Aufwachen fehlt mir jedes Zeitgefühl. Das Telefon liegt etwas weit entfernt im Rucksack und auch sonst ist keine Uhr in Sicht. Die Mitbewohner, die ich gar nicht richtig gesehen habe, verschwinden früh und irgendwann quält sich eine der beiden Britinnen aus ihrem Bett und schlurft ins Bad. Dort ein Ausruf des Entsetzens. Was genau los ist, verstehe ich erst, als ich selbst ins Bad gehe. Die Spätkommer hatten das Licht im Bad angelassen. Die Gleichung ist sehr einfach: Licht an über Nacht + See in 200m Entfernung = Bad voller Insekten. Es ist wirklich ziemlich eklig und so entscheide ich mich, mal auf die Morgendusche zu verzichten. Bevor die Britinnen zum Frühstück verschwinden, frage ich noch nach der Zeit. 09:45 Uhr -- so spät kommt es mir zwar nicht vor, aber ich beeile mich doch sehr zu packen und auszuchecken.

Beim Frühstück setze ich mich zu den beiden Zimmergenossinen. Schnell stellt sich heraus, dass der Wecker der einen Frau vorging und die ganze Hektik beim Packen umsonst war. Schließlich sammele ich meine Lebensmittel aus der Küche ein und fahre los. Bei der BP Tankstelle tanke ich nochmal auf. Bis Haast Village soll es kein Benzin mehr geben. Tankstellen sind hier wirklich rar gesäht.

Ich verlasse Wanaka in nördlicher Richtung mit dem Ziel Franz-Josef-Glacier an der Westküste. Die Straße in Richtung der Westküste ist sehr leer. Ob auf der Südinsel überhaupt mal viel Verkehr ist? Bald läuft die Straße parallel zum Lake Hawea. Die Aussicht auf den See und die Berge im Hintergrund ist grandios. Mehrere Male bleibe ich stehen und mache Fotos. Nach einem Halt an einem Rastplatz passiert es mir zum ersten (und hoffentlich einzigen) Mal, dass ich auf der falschen Straßenseite weiterfahre. Ich bemerke es auch nach wenigen Sekunden, als in einiger Entfernung ein entgegen kommendes Auto auftaucht.

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Lake Hawea

Bald knickt die Straße nach Westen ab und Lake Hawea verschwindet im Rückspiegel. Doch der nächste See lässt nicht lange auf sich warten. Nach wenigen Kilometern trifft die Straße auf Lake Wanaka. Die Aussicht hier ist fast noch beeindruckender. Ein großer See, umringt von schneebedeckten Bergen. Großartig. Am Ostufer des Sees führt der Weg weiter nach Norden. Die Strecke ist sehr kurvenreich und wird erst wieder gerade, als sie nördlich des Lakes Wanaka in den Wald führt.

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Lake Wanaka
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Foto beim Fahren gemacht. Pfui! Böse!

Auf diesem Stück des Highways gibt es viele kleinere Sehenswürdigkeiten, ein wenig wie in den Catlins in der Woche zuvor. An den Blue Pools halte ich an. Vom Parkstreifen an der Hauptstraße führt ein Wanderweg in den Wald hinein. Es geht leicht bergab. Nach einer Viertelstunde Fußmarsch überquere ich den Makarora River, der zum Lake Wanaka führt. Die Brückenkonstruktion sieht aus wie die am Vortag: eine Hängebrücke. Doch heute bin ich eher Shrek als Donkey und gehe zum anderen Ufer, ohne dass mir die Schaukelei etwas ausmacht. Auf der anderen Seite sind es noch zwei Minuten bis zur Aussichtsplattform über den Blue Pools. Drei Meter unter mir strömt der Blue River aus dem Wald. Das Wasser sammelt sich hier in einigen tieferen Becken, bevor es fünfzig Meter weiter in den Makarora River fließt. Im Sonnenlicht ist das Wasser ganz blau, fast schon türkis. Anders als die Seen in der Nähe von Mt. Cook ist es aber sehr klar, sodass man bis auf den Boden des Beckens schauen kann. Vom Kiesstrand an der Mündung sieht das Wasser schon gar nicht mehr blau aus, die Färbung hat mit dem besonderen Einfall des Sonnenlichts zu tun.

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Dieser Baum hat eine Menge mitgemacht. Wackelige Brücke über den Makarora River Blue Pools

Auf dem Weg zum Haast Pass windet sich die Straße in engen Kurven nach oben. Abseits der Straße strömt ein reißender Fluss, der von gelegentlichen Wasserfällen gespeist wird. Nach der Passhöhe fällt die Straße sehr steil ab. Die Kurven sind auch hier sehr eng und die Hinweisschilder furchteinflößend ("Trucks use lowest gear" und Begrenzungen auf sehr niedrige Geschwindigkeiten). Kurz bevor die Straße über eine einspurige Brücke über den Haast River geführt wird, gibt es noch eine Kuriosität, die ich bisher noch nicht gesehen habe: Eine Notfallrampe für außer Kontrolle geratene Fahrzeuge (runaway vehicle ramp). Das ist ein sehr steil bergauf führendes Stück Straße mit bedrohlich aussehenden Straßenmarkierungen, die andeuten, dass es gar keine gute Idee ist, diese Fläche als Rastplatz zu benutzen. Ehrlich: Wer es schafft, im Notfall den Wagen hier hochzufahren, verdient meine höchste Anerkennung.

An den Thunder Creek Falls ein paar Meter abseits der Straße mache ich eine kurze Pause, ergreife aber schnell die Flucht, als ein Bus voller Rheinländer die Stelle ebenfalls aufsucht. Das heimische Idiom ist ja ganz schön -- im Rheinland. Hier empfinde ich es eher unangenehm.

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Thunder Creek Falls

Die Straße schlängelt sich auf ihrem Weg nach Westen entlang am Bett des Haast Rivers. In den Bergen war er noch sehr schmal, doch je näher wir der Küste kommen, wird das Flussbett immer breiter. Wenn der Fluss während der Schneeschmelze das ganze Bett ausfüllt, ist sicher nicht mit ihm zu spaßen. Einige Kilometer weiter verlasse ich das Gebirge. Plötzlich wird der Blick frei in die Ebene. Bei gutem Wetter kann man von hier aus bestimmt bis zum Meer schauen. Doch heute sind nur Wolken zu sehen. Von dem guten Wetter, das auf der Ostseite des Passes noch herrschte, merke ich hier gar nichts mehr. Es ist sehr dicht bewölkt, die Sonne hat keine Chance, durchzukommen. Doch es wäre kein Wunder, wenn eine halbe Stunde später die Sonne wieder scheinen würde. Das Wetter an der Westküste ist für seine Wechselhaftigkeit berüchtigt.

Kurz hinter Haast Village überquere ich den Haast River auf einer sehr langen one lane bridge. Sie ist so lang, dass es zwei Ausweichbuchten nach jeweils einem Drittel der Brücke gibt, weil man den Verkehr nicht im Gänze überblicken kann. Doch leider ist vor der Brücke ein kleiner Stau. Als fünftes Auto reihe ich mich in die Schlange ein. Die Auffahrt auf die Brücke wird von einem Bauarbeiter gesperrt. In der Entfernung ist auf der Brücke ein Baufahrzeug zu erkennen. Ich mache den Motor aus und harre der Dinge, die da kommen mögen. Nach ein paar Minuten läuft der Bauarbeiter mit dem Stoppschild die wartenden Autos ab und kündigt an, dass die Pause noch 15 bis 20 Minuten dauern werde. So steige ich aus und vertrete mir ein wenig die Beine. Auch die japanische Reisegruppe aus dem Bus hinter mir steigt aus. Gute zehn Minuten später macht sich Hektik breit, als der Bauarbeiter das Signal zum Weiterfahren gibt. Hinter der Brücke steht das Baufahrzeug, die Besatzung nickt den Vorbeifahrenden freundlich zu.

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Die Wolken bleiben in den Bergen hängen Pause an der Brücke über den Haast River.

Nun ändert sich die Landschaft schnell: Die Straße durchquert auf dem Weg zur Küste einen dichten Regenwald. Es geht wieder auf und ab, bis auf einmal das offene Meer sichtbar wird. Hier ist auch ein Aussichtspunkt, an dem ich anhalte und ein paar Fotos mache. Von hier aus sind es noch über 100 Kilometer bis zu den Gletschern. Die Straße ist zwar leer, doch alle paar Minuten gilt es, eines der zahlreichen Wohnmobile zu überholen, die sich mit 50km/h die Berge hochquälen. Langsam setzt eine tiefe Müdigkeit ein, doch ich fahre weiter, weil ich nicht zu spät in Franz-Josef ankommen möchte. Irgendwann wird es doch ein wenig viel mit der Müdigkeit und ich steuere einen kleinen Rastplatz an. Von hier aus führt eine Nebenstraße zum Parkplatz am Fox Glacier, dem südlichen der beiden bekannten Gletscher an der Westküste. So schlage ich zwei Fliegen mit einer Klappe: Ich mache eine Pause und werfe einen Blick auf den Gletscher, den ich nicht im Rahmen einer Wanderung besichtigen werde.

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Fox Glacier. Hier dachte ich mir: Wäre ja schön blöd, wenn ich morgen bei meiner Gletscherwanderung keine Fotos machen könnte.

Die kleine Straße endet an einem großen Parkplatz. Von hier aus sind es ein paar Minuten Fußweg bis zu einem Aussichtspunkt, von dem man den ersten guten Blick auf den Gletscher hat. Es sieht gewaltig aus, wie sich der Gletscher zig Meter hoch zwischen den Bergen heraus ins Tal ergießt. Anders als bei den Gletschern am Mt. Cook ist hier das Eis gut zu sehen. Kaum Geröll und kein großer See behindern den Blick auf das Terminal Face. Bis dorthin dauert der Fußweg laut Reiseführer eine knappe Stunde. Das ist mir zu lang und so gehe ich zum Parkplatz zurück und fahre weiter.

Nach wenigen Kilometern erreiche ich das Dorf Fox Glacier, lasse es aber links liegen. Nun sind es noch ungefähr 30 Kilometer bis Franz-Josef. Mittlerweile hat es angefangen, leicht zu regnen. Die Straße wird auf dem Weg ins Tal in den engen Kurven etwas rutschig. Mehrere Male geht es runter ins Tal, dort über einen Fluss und wieder hinauf, bevor ich schließlich das Dorf Franz-Josef erreiche. Der Ort ist klein, aber auf viele Besucher ausgerichtet. Ein großes DOC Visitor Centre und viele Motels und Backpacker bestimmen das Bild. Es ist nicht schwer, das Hostel zu finden, in dem ich die nächsten beiden Nächte unterkommen werde. Die Gloworm Cottages erinnern an ein Motel mit großen Innenhof, um den herum die einzelnen Räume angeordnet sind. In der Mitte des Hofes steht ein kleiner Schuppen, ein Schild an der Tür erklärt, dass die Hot Bubbly Spa bis 9 Uhr abends offen ist. Der Mann an der Rezeption ist bullig, aber hilfsbereit. Auch hier laufe ich unter dem Namen Alexandra. Als ich ihn darauf anspreche, sagt er, dass in NZ diese Form auch als Männername gebraucht werde. Das überzeugt mich nicht, aber er macht auch nicht den Eindruck, dass er es tip-top findet, wenn ihm widersprochen wird. Als besonderes special dieses Hostel gibt es um 6 Uhr vegetarische Suppe im Speisesaal. Nett, so etwas habe ich auch noch nicht gehabt. Über das Hostel buche ich auch die Tagestour auf dem Gletscher für morgen. Es werden Touren bei Franz Josef Guided Tours vermittelt, dem großen Unternehmen am Ort.

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Die Glow Worm Cottages Zimmer 8: Das Bett oben links quietscht schon beim Angucken

Im Zimmer gibt es zwei Etagenbetten, eine winzige Pantry-Küche und ensuite ein Mini-Badezimmer. Eins der vier Betten ist bereits belegt. Ich wähle das Bett über dem belegten. Es quietscht zwar beim Einsteigen, ist aber bequem. Im unteren Bett liegt eine junge Britin und schaut etwas lethargisch eine Zeichentricksendung im Fernsehen. Bald mache ich einen Rundgang durch den Ort. Zuerst zum Geldautomaten, dann zum Supermarkt, wo ich ein paar Lebensmittel für den Trip morgen kaufe. Müsliriegel, eine große Flasche Wasser und etwas Obst. Außerdem ein paar Flaschen Speight's Ale für den Abend. Auf dem Rückweg gehe ich noch bei der Geschäftsstelle der Gletschertour vorbei und frage nochmal nach, wann ich morgen da sein muss (9 Uhr) und was ich mitbringen muss (drei Schichten Kleidung am Oberkörper und Verpflegung). Die gesamte Schutzkleidung inklusive der Schuhe wird gestellt. Außerdem hängt hier auch noch die Wettervorhersage für morgen: "Rain easing into showers". Das klingt zwar nicht total super, aber in einer Gegend, die ca. 5000mm Niederschlag pro Jahr abkriegt, kommt man wohl um ein wenig Regen nicht herum.

In der Küche versehe ich meine Lebensmittel wieder sorgfältig mit Namen, Zimmernummer und Abreisedatum (label it or lose it!) und nehme mir einen Teller Suppe, die gerade hereingebracht wurde. Ist eine einfache aber leckere Gemüsesuppe, die mir vor allem die Wahl zwischen selber kochen und essen gehen erspart. An dem langen, groben Holztisch sitzt mir ein junges Paar gegenüber, deren Akzent sie unzweifelhaft als Franzosen outet. Wir unterhalten uns lange, tauschen Reiseerfahrungen aus. Lucie und Sébastien haben ein Jahr in Sydney gelebt und geben mir viele Tipps für die Tage dort. Sébastien schlägt die Hände über dem Kopf zusammen, als er hört, dass ich bei einer Bank arbeite. Offenbar sind die meistens Deutschen, die die beiden kennengelernt haben, Bänker. Zu meiner Ehrenrettung führe ich mein Linguistikstudium an. Das hilft. Er selbst hat gerade sein Marketingstudium abgeschlossen, Lucie ist Krankenschwester, will sich aber nach der Reise auch umorientieren und noch studieren. Die beiden haben eine sehr angenehme Art, miteinander umzugehen. Zwar offensichtlich schon als ein Paar, aber dabei nicht so, dass sich Außenstehende ausgeschlossen fühlen. Sie sind beide sehr nett und ich nehme mir vor, den nächsten Abend wenn möglich wieder mit ihnen zu verbringen. Als die beiden ins Bett gehen, bleibe ich noch etwas sitzen und schreibe ein paar Seiten im Tagebuch.

Nicht zu spät gehe ich selbst schlafen. Mittlerweile sind alle vier Betten im Zimmer belegt. Im Dunkeln -- nur mit dem Display des Telefons beleuchtet -- klettere ich in das quietschende Bett und stelle den Wecker auf 07:30. Gegen 1:00 Uhr wache ich auf, weil der Regen auf das leichte Blechdach trommelt. Wird schon werden bis zum Morgen, denke ich und schlafe wieder ein.


Copyright (c) 2004/2005 Alexander (reiseberichte@barmblognord.com).
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