| Einen Tag zurück | Startseite | Einen Tag weiter |
Der Wecker klingelt früh an diesem Tag, denn vor der langen Gletschertour möchte ich ausführlich frühstücken. Schon beim Aufwachen ist der Regen nicht zu überhören, der nach wie vor hart auf das Wellblechdach des Cottages prasselt. Ich dusche schnell und husche durch den Regen zum Frühstück. Den Gedanken, die Tour abzusagen, wische ich fort -- ist doch eine Gletscherwanderung eins der unverzichtbaren Ziele auf dieser Reise. Gegen halb neun gehe ich zurück zum Zimmer, um den Rucksack für den Tag zu packen und mich richtig anzuziehen. Da die Ausrüstung gestellt wird, trage ich nur eine kurze Hose, ein T-Shirt, zwei Jerseys und einen Pullover. Wenn das Unternehmen schon sagt, dass man drei Schichten Kleidung am Oberkörper tragen soll, nehme ich alte Frostbeule lieber vier -- plus die Fleece Jacke, die in den Rucksack wandert. Wie üblich kommen auch die Wertgegenstände und das Mittagessen in den Rucksack.
Für die 300 Meter zum Startpunkt ziehe ich noch die Regenjacke an. Das Tourbüro erreiche ich halbwegs trocken. Dort ist viel los. Die frühe Tour, die schon um kurz nach acht Uhr hätte losfahren sollen, ist noch da. Ich bezahle am Check In die $120 für die Full Day Tour und erhalte dafür einen Zettel mit Sicherheitshinweisen und der Refund Policy. Dort steht explizit, dass die Touren auch bei Regen unternommen werden. Regen sei an der West Coast normal, bei 5000mm Niederschlag pro Jahr vergehe kaum ein Tag, an dem es nicht regnet. Mit dem Zettel verziehe ich mich in eine Ecke und warte, bis die andere Gruppe abgefertigt ist und meine Tour zum Einkleiden aufgerufen wird. Um kurz nach Neun ist es soweit. Ich unterschreibe meine Kenntnisnahme des Hinweiszettels und bekomme am ersten Schalter meine Regenhose. Sie ist groß und grau und schwer. Im Nebenraum findet die Ausgabe der Socken und Schuhe statt. Es gibt grobe Wanderschuhe aus Leder, ein Paar Wollsocken und die Ice Talonz. Letztere sind Eiskrallen, die wie eine zweite Sohle unter den Schuhen befestigt werden. Sie sollen dem Träger Halt auf der rutschigen Gletscheroberfläche geben. Im Moment trage ich sie noch in einer Hüftgurttasche. Außerdem bekommen die Wanderer noch eine Wollmütze und ein paar Handschuhe -- Fäustlinge, ebenfalls aus Wolle. An der nächsten Bekleidungsstation gibt es schließlich noch eine große und schwere GoreTex Jacke mit dem Logo von Franz Josef Guided Tours auf der Brust. Gestiefelt und gespornt gehe ich zum wartenden Bus, der die Wandergruppe die paar Kilometer zum Gletscher fahren soll. Ich werfe noch einen letzten Blick auf die Wettervorhersage: "Rain easing into showers". Es besteht also noch Hoffnung.
|
|
| Rain easing into showers. Yeah, Right. |
Der Bus ist ein uraltes Isuzu Modell. Die Beschriftung auf dem Armaturenbrett ist original Japanisch, aber mit Klebeschildern auf Englisch übersetzt. Franz Josef Guided Tours hat ein sehr humanes Verhältnis zu den Bussen. Dieser hier heißt Doris. Als letzte steigen die vier Guides ein. Im Gegensatz zu den Teilnehmern tragen sie rote Jacken, große Rucksäcke und schwere Spitzhacken. Vor dem Losfahren erklärt einer von den vieren das Vorgehen: Wir fahren zum Parkplatz am Gletscher, laufen von dort aus zum Terminal Face. Dann klettern wir auf den Gletscher, wandern dort einige Stunden und fahren wieder zurück. Außerdem gibt es noch die üblichen Hinweise, dass kein Müll zurückgelassen werden darf, dass es jenseits des Parkplatzes kein Klo mehr gibt usw. Während der Fahrt sehe ich das erste Mal eine original "West Coast Air Conditioning" im Betrieb. Sie funktioniert so, dass einer der Guides laufend die Windschutzscheibe wischt, damit der Fahrer ein bisschen sehen kann. Bei diesem Wetter wäre wohl jede Belüftung überfordert.
Ich frage den Guide neben mir, ob dies normaler Regen, guter Regen oder außergewöhnlich schlechter Regen sei. Das sei guter Regen, meint er. Auf jeden Fall ziehe er diesen echten Regen irgendeinem "light drizzle" vor. Angesichts des nach wie vor derbe niederprasselnden Regens bin ich nicht ganz sicher, ob ich diese Einstellung teile -- bewundernswert ist auf jeden Fall die Coolness, mit der er das sagt. Die Stimmung im Bus ist insgesamt etwas gedämpft. Wie erreichen den Parkplatz nach knapp zehn Minuten. Beim Aussteigen fragt Dale, der Fahrer, jeden, der vorbei kommt: "Are you enthused?" Die Antworten kommen eher gemurmelt: "Sure", "Of course", "Mmmh".
Vom Parkplatz aus laufen wir die ersten Meter bis zum Aussichtspunkt auf den Gletscher. Dies ist die letzte Stelle, die das DOC auch unerfahrenen und unbegleiteten Wanderern zutraut. Um weiterzugehen, muss man ein Seil übersteigen und jede Menge Warnungen lesen. Von hier aus ist der Gletscher noch ungefähr zwei Kilometer entfernt, sieht aber schon jetzt beeindruckend aus. Von den zig Meter hohen Felswänden stürzen Wasserfälle ins das Tal hinab.
Bin etwas beunruhigt, da mein linker Fuß etwas feucht wird, offenbar sind die Schuhe doch nicht so wasserfest, wie sie aussehen. An dieser Stelle wird die ungefähr vierzigköpfige Truppe in zwei Gruppen aufgeteilt. Ich schließe mich Dales Gruppe an. Dale sieht außerordentlich cool aus mit seinem Augenbrauenpiercing und der kurzen Hose. Die trägt er vermutlich nur, damit man die Sonne sieht, die er auf's Knie tätowiert hat.
Bevor es weiter geht, gibt es nochmal einen Appell an die Motivation. Ja, es regne, aber wir sollen das Beste draus machen. Die Stimmung im Bus sei nicht besser gewesen als in einem Sarg und das sei keine gute Basis für einen solchen Abenteuertag. Moralisch gestärkt überqueren wir die Seile und laufen durch das Tal zum Gletscher. Überall sind Pfützen, mehr oder weniger tief. Alle zieren sich etwas, in die Pfützen zu treten. Vermutlich bin ich nicht der einzige, der seinen Schuhen nicht traut. An einem Fluss halten wir an. Da müssen wir rüber, aber es gibt keine Brücke. Der Fluss, der sonst bestimmt nur ein Bach ist, ist zu breit, um ihn mit einem Sprung zu überqueren. Also müssen wir durchwaten. Dale geht voran und testet, ob es im Wasser ein paar Felsen gibt, die man als Überweg benutzen kann. Schließlich bleibt er in der Mitte des Flusses stehen und hilft uns beim Durchqueren des Wassers. Die Strömung ist schon ziemlich stark und man muss ein wenig achtgeben, in dem knietiefen Wasser nicht weggezogen zu werden. Über nasse Füße brauche ich mir für heute auch keine Sorgen mehr zu machen: Die Schuhe sind spätestens jetzt voll Wasser. Dales Kommentar danach: "At least nobody's worried about stepping into puddles anymore."
Kurz darauf wird die Gruppe ein weiteres Mal geteilt. Nach links stellen sich die, die etwas schneller voran kommen wollen, rechts für die, die eher normal schnell gehen. Das erste Meinungsbild ergibt 17:3 für "normal schnell". Also werden noch ein paar Mutige für die schnelle Gruppe gesucht. Zu denen zähle ich mich auch und so erreicht unsere Gruppe eine Stärke von neun.
Normalerweise werden auf dieser Strecke einige Pausen gemacht, in denen die Teilnehmer etwas über die Gletscher der Gegend erfahren, doch heute bleiben wir nicht unnötig stehen. Außerdem ist Dale die ganze Zeit damit beschäftigt, sich über Funk mit den anderen Guides und den Leuten im Hauptquartier abzustimmen. Nach zehn weiteren Gehminuten erreichen wir die Vorderseite des Gletschers, oder eher die Geröllberge, die damit einhergehen. Dale macht uns ein Angebot: Wer aufgrund des Wetters doch nicht auf den Gletscher will, kann jetzt zurückgehen und an der Station im Dorf sein Geld wieder abholen. Aus unserer Gruppe gibt sich keiner die Blöße, aber wir sind ja auch die schnelle und mutige Gruppe. Außerdem gibt es noch einen aktualisierten Wetterbericht: Es wird heute nicht mehr aufhören zu regnen, es soll eher noch schlimmer werden. Das ist auch der Eindruck, den wir alle in der letzten Stunde gewonnen haben. Der Regen ist alles außer schwächer geworden.
Die Sicht ist nicht besonders gut: Erstens ist es neblig und zweitens ist meine Brille nass und beschlagen. Drittens ist durch die große Kapuze auch der Blick zur Seite sehr eingeschränkt, was es nicht gerade einfach macht, sich mit den anderen Wanderern zu unterhalten. Langsam mache ich mir auch Sorgen um den Inhalt meines Rucksacks. Habe ich doch ein paar unnötige Dinge eingepackt? Brauche ich wirklich das Telefon hier draußen? Oder den iPod? Die Kamera werde ich dem Dauerregen sicher auch nicht aussetzen. Also versuche ich, notdürftig die Dinge etwas sicherer zu packen und wickele Kamera und iPod in meine eigene Regenjacke, die ich vorsichtshalber mitgenommen habe. Andere Leute waren so schlau, wasserfeste Außenhüllen für die Rucksäcke mitzubringen, oder zumindest wichtige Dinge in Plastiktüten zu packen.
Wir klettern die ersten Meter nach oben. Auf einem kleinen Plateau lernen wir, die Ice Talonz unter die Füße zu schnüren. Obwohl das Prinzip bestechend einfach ist, wird es doch durch den Regen erschwert, weil die Finger nass und kalt sind. Als alle neun fertig sind, gibt es die wichtigste Einweisung des Tages: Das Gehen auf dem Gletscher. Ist eigentlich einfach, man muss nur daran denken, bei jedem Schritt den Vorderfuß in den Boden zu rammen, damit das Profil die Chance hat, etwas Griff im Eis zu bekommen. Beim Betreten der Stufen, die ins Eis gehauen werden, darf man keinesfalls seitlich gehen. Die Stufen sind eh zu schmal dafür und man gewinnt auch keinen Halt. Bin natürlich ein wenig unsicher, aber das wird sich nach den ersten Metern schon geben. Weiterhin kündigt Dale an, dass wir es bei zu starkem Wind nicht bis zum höchsten Punkt der Tour schaffen werden. Dort führe eine Brücke über eine Gletscherspalte. Doch der Wind sei stark und die Gletscherspalte 60 Meter tief. "That's the last place you want to be today."
Es geht weiter nach oben. Als wir die Geröllzone verlassen und das Eis erreichen, stehen dort einige weitere Mitarbeiter in roten Jacken und mit Spitzhacken. Diese hilfreichen Leute sind seit sieben Uhr heute morgen dabei, neue Stufen in das Eis zu schlagen, eine Arbeit, die täglich gemacht werden muss. Bevor wir die Eisfläche betreten, bekommen wir noch eine Gehhilfe ausgehändigt: Eine Eispicke. Die ersten Schritte auf dem Eis sind seltsam. Es ist sehr rutschig, aber wenn man sich bemüht, die gelernte Technik einzuhalten, geht es ganz gut. Es hieß ja vorher, entweder man falle auf den ersten 200 Metern oder ganz am Ende, wenn die Ziellinie in Sicht ist. Bald wird die Gruppe etwas sicherer auf dem Eis und wir kommen schneller voran. Dale legt ein ordentliches Tempo vor, denn wir sind ja die schnelle Gruppe. Der Weg führt stetig bergan. Meistens gehen wir durch Spalten im Eis und nicht oben auf der Oberfläche des Gletschers. So können wir nicht richtig sehen, wieviel Höhe wir schon gewonnen haben. Meinen Orientierungssinn verliere ich vollends bei dem stetigen Zick-Zack. Es geht bergauf, über kleine Stufen und Trittflächen, die Dale mit der Spitzhacke ins Eis haut. In manchen der Gängen müssen wir eng an der Wand entlang gehen, weil der Boden aus Wasser besteht. Verliert man den Halt an der Seite, muss man buchstäblich den Schritt ins kalte Wasser wagen, das auch gerne mal bis zu den Knien reicht.
Nach einer Stunde machen wir eine kurze Pause. Einige versuchen, sich in dem nach wie vor strömenden Regen Zigaretten anzuzünden. Für ein richtiges Picknick ist es zu nass, also halten wir nur eine Zigarettenlänge inne und gehen schnell weiter. Die Kletterei durch das Eis wird immer anstrengender, die Gruppe zerfällt etwas. Ich gehe als Vorletzter, nach mir folgt als letzter ein Waliser, der sich häufig absichern muss und das eine oder andere Mal stolpert und im Wasser landet.
Dale spricht per Funk ständig mit den Leuten im Hauptquartier und holt sich neue Informationen über die Lage oben auf dem Gletscher. Gegen Mittag kündigt er an, dass man ihn beordert habe, die Tour nicht bis zum höchsten Punkt auf dem Gletscher zu führen. Wir werden nicht mal die erste Brücke überqueren können. Das Eis an der Befestigung der Brücke sei zu unsicher, da es durch den Regen und das Metall der Brücke zu warm geworden ist. Stattdessen werden wir den Rückweg antreten und aus der Tagestour eine Dreivierteltagestour machen. Als Entschädigung werden uns $15 erstattet. Dale schlägt vor, noch ein paar Meter aus der Gletscherspalte heraus auf das Eis zu klettern, damit er uns zeigen kann, wo die Brücke ungefähr ist. Nach ein paar weiteren Minuten stehen wir auf dem Eis. Die Brücke ist bereits abgebaut und liegt vor der Gletscherspalte. Wir machen eine kurze Pause, einige Mutige holen ihre Fotoapparate raus und versuchen, durch den dichten Regen die Wasserfälle an den Felswänden zu fotografieren. Bei einem der Wasserfälle kann man gut erkennen, dass er viel Erde und Geröll ins Tal spült, die Farbe des Wassers ist eher braun. Bei gutem Wetter ist der Ausblick von so weit oben sicher sehr spektakulär. Doch heute ist das Tal einige hundert Meter weiter unten kaum zu erkennen.
Für den Weg hinab wählen wir eine etwas andere Route. Dieses Mal geht es weniger im Zick-Zack durch Gletscherspalten, sondern eher über die Oberfläche des Gletschers. Immer wieder muss Dale die Stufen im Eis sichern. Mittlerweile hat der Regen das Eis soweit zum Schmelzen gebracht, dass die Stufen kleinen Wasserfällen gleichen. Nach einigen hundert Metern arrangieren wir die Gruppe neu. Die eher langsamen laufen direkt hinter Dale, die etwas sichereren Wanderer bilden das Ende der Kette. Der Abstieg geht etwas schneller vonstatten als der Aufstieg, doch die Vorsicht ist noch größer. Die Eistreppen sind schmal und es kommt sehr darauf an, nicht seitwärts darauf zu treten -- man würde sofort abrutschen. Stattdessen ist es oft notwendig, bei einem Schritt mehrere Male ins Eis zu treten, bis die Schuhe in der nassen und rutschigen Oberfläche genug Halt finden. Es ist ein spannender Anblick, wie sich unterhalb von uns auf dem Gletscher die verschiedenen Wandergruppen ins Tal begeben. Wie kleine Ameisenstraßen sieht es aus, immer eine rot gekleidete Person voran und dann zehn Leute mit blauen Jacken. Je weiter wir nach unten kommen, desto häufiger treffen wir auf die anderen Gruppen. Oft dürfen wir überholen, manchmal warten wir aber auch minutenlang, dass unter uns das Eis trittfest geschlagen wird.
Wir erreichen wieder die Zone des Gletschers, wo viel Geröll abgelagert ist. Hier läuft es sich etwas sicherer. Schließlich können wir auch auf die Eispicke verzichten und werfen sie in eine große Sammelkiste. Von hier aus sind es nur noch wenige Höhenmeter, bis wir uns unserer Eiskrallen unter den Schuhen entledigen. Die Riemen an meinen Ice Talonz sind immer noch sehr fest und ich brauche ein paar Minuten, bis ich die Eisen entfernt habe. Hier sind so viele Leute, alle gleich gekleidet, dass ich nicht mehr erkenne, wer alles in meiner Gruppe war. Lediglich Dale sehe ich nochmal. Er sagt, dass es schon ein Wunder ist, dass wir es bei diesem Wetter alle unverletzt wieder vom Gletscher herunter geschafft haben.
Mit Ice Talonz in der Hüfttasche geht es weiter durch das Tal, denn bis zum Parkplatz ist es noch ungefähr eine Stunde Fußweg -- bei gutem Wetter. Heute ist es anders. Den Weg, den wir vor vier Stunden durch das Tal gegangen sind, gibt es nicht mehr. Die kleinen Bäche und Flüsse haben sich in reißende Ströme verwandelt, die nicht mehr zu durchqueren sind. So beraten sich die vielen Guides, welcher Weg genutzt werden soll, um die Wanderer sicher zum Parkplatz zu bringen. Zuerst testen sie eine Furt einige Meter flussabwärts, doch das Unternehmen wird abgebrochen. Schließlich findet man nahe an der Moräne eine Stelle, an der ein paar Felsen im Wasser einen sicheren Überweg versprechen. Flugs wird eine Leine über den Fluss gespannt und einige zig Wanderer werden schnell -- aber ohne Hektik -- durch den fast hüfttiefen Fluss geleitet. Beim nächsten Fluss gibt es dann keine Sicherheitsleine mehr, aber einer der Guides steht im Wasser und hilft uns hinüber. Ab dann wird es einfacher, es gibt nur noch einen kleinen Bach zu durchqueren. Mittlerweile ist mir alles egal. Ich will nur noch zum Bus, die nassen Sachen loswerden und die heiße Schokolade trinken, die uns Dale für die Rückkehr im Hauptquartier versprochen hat. So steige ich mich nicht mehr über Felsen im Fluss, sondern laufe direkt durch das knietiefe Wasser.
Am Aussichtspunkt überquere ich die Sicherheitsleine und lege schnell die letzten Meter zum Parkplatz zurück. Dort setze ich mich vorne in den erstbesten Bus, ziehe die Kapuze vom Kopf, die klatschnassen Handschuhe aus und atme tief durch. Geschafft! Schnell füllt sich der Bus mit vielen anderen glücklichen Menschen. Auf der Rückfahrt ins Dorf ist die Stimmung merklich gelöster als auf der Hinfahrt am Morgen.
Die Rückgabe der Ausrüstung läuft sehr reibungslos: Zuerst werden die Jacken über eine Theke in den Trockenraum gereicht. Dann geht die Schlange weiter in den Schuhraum, wo man Hosen, Handschuhe und Mützen auf verschiedene Haufen wirft. Schließlich gibt man die Schuhe ab und nimmt die eigenen wieder aus dem Regal. Die Shorts, die ich unter der Regenhose trage, sind bis auf den letzten Quadratzentimeter nass. Gut, dass ich keine Jeans angezogen habe, das wäre um einiges unangenehmer geworden.
In der großen Halle stehen zwei Töpfe mit heißer Schokolade bereit. Das tut gut! Die Guides verteilen noch eine Broschüre mit Informationen und Fotos über den Gletscher -- all das, was wir in Ermangelung von Pausen nicht unterwegs gehört haben. Ich sehne mich nach einer heißen Dusche und halte mich nicht mehr viel länger auf. Bloß Dale suche ich nochmal, um mich zu bedanken für die gute Führung. Außerdem frage ich ihn: "Honestly, how many days like this do you get per year?" "About four to six, mostly in November and December."
|
|
| Das zweite von zwei Fotos an einem regenreichen Tag |
Durch den Regen laufe ich zurück ins Hostel. Im Raum 8 angekommen lerne ich die neuen Bewohner kennen: Judy, eine etwas ältere Engländerin und Chris, ein Ire, der wie ich heute sehr nass geworden ist. Nach der heißen Dusche hänge ich meine Sachen zum Trocknen auf. Der Pulli und die drei Schichten T-Shirts sind komplett nass, die Hose ebenso. Dann kommt der Moment des Schreckens, als ich den Rucksack öffne. Das Telefon scheint überlebt zu haben, zumindest ist noch etwas auf dem Display zu sehen. iPod und Kamera funktionieren auch, die beiden waren in die Regenjacke eingewickelt und gut geschützt. Das Portemonnaie ist ziemlich nass. Pass und Reisetagebuch haben einiges abbekommen, das Papiergeld auch. Hier zeigt sich wieder der Vorteil der neuseeländischen Plastikbanknoten: Die Scheine sind einfach abzuwischen, die Euro-Scheine hingegen sind ziemlich angegriffen. Unten im Rucksack stehen mehrere Zentimeter Wasser. Alles, was dort lag, ist aufgeweicht. Die Packung der Müsliriegel liegt in Fetzen. Ich trockne alles sehr sorgfältig ab und bringe die Anziehsachen in den Trockenraum. Nach vierzig Minuten sind die Klamotten wieder in Ordnung, nur Wolle und Fleece will ich nicht dem Trockner aussetzen. Im Zimmer versuche ich, das Mobiltelefon zu benutzen, doch beim ersten Tastendruck flackert das Display nur und wird schwarz. Danach ist es nicht mehr zum Leben zu erwecken. Sehr, sehr ärgerlich.
Zur Suppe um 18:00 Uhr treffe ich Lucie und Sébastien im Speiseraum. Die beiden können ihr Grinsen kaum verdecken und ich muss auch ziemlich lachen: "You would not believe the fun we've had on the glacier today." Die beiden sind den ganzen Tag nicht aus dem Haus gegangen, haben sich aber Sorgen um mich gemacht, was ich ganz rührend finde. Wir verbringen den Abend mit einander und unterhalten uns lang und ausgiebig. Die beiden sind wirklich eine großartige Reisebekanntschaft.
Am Abend ebbt der Regen langsam ab und wir bekommen sogar ein wenig vom Sonnenuntergang zu sehen. Die Vorhersage für den nächsten Tag verheißt großartiges Wetter. Sébastien verspricht mir, ein Foto vom Gletscher für mich zu machen und es mir zu schicken.
Vor dem Schlafengehen stelle ich noch fest, dass das Telefon doch wieder funktioniert. Somit habe ich wieder eine Uhr, einen Wecker und eine Taschenlampe. Puh.
(There is an English translation of this page, especially for Lucie & Sébastien).
| Einen Tag zurück | Startseite | Einen Tag weiter |
|
Copyright (c) 2004/2005 Alexander (reiseberichte@barmblognord.com).
This work is licensed under a Creative Commons License.
|
|
| http://barmblognord.com | |