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Heute geht es vom Franz-Josef Gletscher bis nach Christchurch an der Ostküste. Allerdings werde ich den größten Teil der Strecke mit dem Zug zurücklegen. Der fährt in Greymouth ab, was ungefähr 120 Kilometer nördlich von Franz-Josef liegt. Der Zug verlässt Greymouth um 13:45 Uhr, vorher muss ich noch den Mietwagen abgeben.
Also stehe ich früh auf, um noch genug Zeit in Reserve zu haben. Die anderen im Zimmer sind auch früh wach, sodass ich beim Packen nicht furchtbar leise sein muss. Leider sind noch nicht alle Sachen trocken geworden. Der Pulli ist noch ziemlich nass, aber er kann ja auf der Rückbank im Auto trocknen. Warm genug wird es dafür sein, denn die Sonne scheint am blauen Himmel. Es sieht überhaupt nicht nach Regen aus und es verspricht ein wunderbarer Tag zu werden.
Während ich im Speiseraum darauf warte, dass der Toaster mein Brot fertig röstet, tippt mir Sébastien auf die Schulter. Sein Grinsen ist so breit, dass er eigentlich zwei Gesichter dafür bräuchte. Kein Wunder, bei dem strahlenden Himmel. Natürlich bin ich stockneidisch auf die beiden, die heute die Tageswanderung auf dem Gletscher unternehmen werden. Fairerweise muss ich dazu sagen, dass ich dafür im Fjordland unerhörtes Glück hatte. Sébastien und Lucie sind drei Tage lang im Regen über den Milford Track gewandert. Sébastien geht wieder zurück in sein Zimmer. Wir verabschieden uns nochmal voneinander und ich wende mich meinem Frühstück zu.
Gegen kurz vor neun Uhr checke ich aus, lade die Sachen ins Auto und fahre los. Kurz überlege ich, nochmal zum Gletscher zu fahren und noch ein paar Fotos zu machen, doch da ich nicht sicher bin, wie schnell ich nach Greymouth durchkomme, fahre ich nach Norden aus dem Ort heraus. Am Ortsausgang stehen zwei Anhalterinnen. Sie wollen zwar ein wenig weiter als nur bis Greymouth, aber bis dorthin nehme ich sie gerne mit. Maren und Mikaela sind Amerikanerinnen, gerade mit der High School fertig und auf Weltreise. Die beiden sind eine sehr angenehme Begleitung und wir unterhalten uns die ganze Fahrt. Von der Landschaft während der Fahrt bekomme ich gar nicht viel mit, da wir uns so angeregt unterhalten. Plötzlich sind die Berge weg und man merkt, dass wir uns dem Meer nähern.
Viel schneller als erwartet erreichen wir Hokitika und dreißig Kilometer weiter schließlich Greymouth. Die Stadt ist ziemlich groß und ich habe keine Ahnung, wo die Autovermietung ist. An einer Tankstelle lasse ich die Mitfahrerinnen raus, tanke voll und frage nach dem Weg. Ist gar nicht mehr weit, nur zwei Kilometer die Straße hoch. Das Schild von NZ Rent-a-car hängt an der Einfahrt eines Gebrauchtwagenhändlers. Dort ist allerdings niemand zu sehen. Trotzdem packe ich meine Sachen zusammen, räume den Wagen auf und mache mich auf die Suche nach jemandem, dem ich den Schlüssel in die Hand drücken kann. Erst dann fällt mir auf, dass ja Sonntag ist. Blöd. Aber was tun? Ich versuche, jemanden unter der "at home" Nummer zu erreichen, die auf dem Firmenschild steht, doch da geht niemand ran. Als nächstes versuche ich die Nummer der Filiale in Queenstown und erreiche glücklicherweise Jim. Ich solle den Wagen am Bahnhof abstellen, dort gebe es auch jemanden, der mir den Schlüssel abnehme. Das ist prima, denn ansonsten hätte ich auch ein gewisses Transportproblem, von hier aus zum Bahnhof zu kommen.
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| Das ist doch kein Alter für einen Mietwagen. |
Den Weg zum Bahnhof erfrage ich an der Tankstelle gegenüber. Ist ebenfalls nicht schwer zu finden und wenige Minuten später erreiche ich das kleine Bahnhofsgebäude. Den Wagen stelle ich auf einem etwas verwahrlosten Grundstück ab. Doch dort hängt ein Rent-a-Car Firmenschild und ist ohnehin der einzige freie Parkplatz hier. Im Bahnhof suche ich jemanden, bei dem ich den Schlüssel abgeben kann. Mit ein wenig Suche werde ich fündig. Am selben Schalter kann ich auch für die Zugfahrt einchecken, sodass ich mein schweres Gepäck wieder los bin. Alles ging doch so schnell, dass ich nun zwei Stunden habe, bevor der Zug zum Einsteigen bereit ist.
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| Greymouth Hauptbahnhof: Hier wird nicht oft gefragt, auf welchem Gleis der Zug abfährt. | |
Natürlich habe ich keine Lust, die ganze Zeit am Bahnhof herumzulungern. Außerdem ist es drei Tage her, dass ich das letzte Mal meine Email gelesen habe. Auf dem Weg zum Bahnhof ist mir ein Café aufgefallen, das auch Internet PCs hat. Ansonsten sind die Geschäftsstraßen ziemlich ausgestorben. Vor dem Schaufenster eines Buchladens bleibe ich etwas länger stehen, weil dort einige Seiten aus "Molvania", einem Reiseführer über ein fiktives osteuropäisches Land, aushängen. Ist sehr komisch.
Im Café ist noch ein PC frei. Viele Mails habe ich nicht bekommen, aber eine ist bemerkenswert. Claudia schreibt mir von ihrem Wochenende in Paris und dass Mathias ihr dort einen Heiratsantrag gemacht hat. Sehr aufregend.
Am Bahnhof hingegen ist es weniger aufregend. Der Zug hat Verspätung, die Abfahrt wird sich um ca. 45 Minuten verzögern. Viel kann man hier nicht machen und so setze ich mich auf dem Bahnsteig auf eine Bank und hole ein paar Einträge im Tagebuch nach, was gar nicht so einfach ist, da die untere Hälfte jeder Seite noch feucht ist. Zum Glück ist das Buch sonst unversehrt, es ist keine Tinte verlaufen. Der Bahnsteig füllt sich allmählich, die meisten Fahrgäste sind sehr offensichtlich Touristen. Ob der Zug wohl auch von normalen Reisenden genutzt wird? Schließlich fährt der TranzAlpine ein, gezogen von zwei Dieselloks. Die Passagiere aus Christchurch steigen aus, holen hinten auf dem Bahnsteig ihr Gepäck ab. Die einzigen, die einsteigen, sind die Mitarbeiter der Reinigungstruppe. Der Zug setzt sich wieder in Bewegung und verlässt den Bahnhof, um nach zwanzig Minuten wieder einzufahren. Nun dürfen die Passagiere einsteigen. Meinen Platz finde ich schnell: glücklicherweise ein Fensterplatz in Fahrtrichtung. Die Großraumwagen sind bequem und unspektakulär. Interessant hingegen ist die Aussichtsplattform in der Zugmitte. Von hier aus hat man einen guten Blick auf die Landschaft.
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| Der TranzAlpine auf dem Weg nach Arthurs Pass. | ||
Die ersten Kilometer der Fahrt gehen langsam voran. Immer wieder halten wir an, einmal sogar für fast zwanzig Minuten. Selbst wenn wir fahren, ist der Zug nicht außerordentlich schnell. Viel mehr als 80km/h wird er kaum fahren. Allmählich geht die Fahrt bergan. Die Southern Alps rücken wieder näher. Vorbei am Lake Brunner führt die Strecke parallel zum Highway 73 nach Arthur's Pass hinauf. Die Landschaft ist sehr schön hier. Im Tal blüht gelb der Stechginster (gorse), das in weiten Teilen die native Flora verdrängt hat und als Unkraut bekämpft wird. Wir passieren viele kleine Haltepunkte, ohne dort anzuhalten. Die meisten dieser Stationen bestehen nur aus einem kleinen Wartehäuschen, manchmal gibt es nicht einmal einen richtig Bahnsteig. Ob diese Haltestellen überhaupt noch benutzt werden, kann ich auch nicht fest stellen.
Wir halten das nächste Mal am Arthur's Pass. Hier steigen tatsächlich viele Leute zu. Normalerweise steht der Zug hier etwas länger, damit man sich ein wenig die Beine vertreten kann, doch heute ist der Stopp sehr kurz, die Verspätung soll nicht noch größer werden. Trotzdem steige ich kurz aus und mache ein paar Bilder vom Zug. So sehe ich auch, weswegen wir am Anfang der Fahrt so lange gehalten haben: statt von zwei wird der Zug von sechs Lokomotiven den Berg hochgezogen. Vier davon werden nun wieder abgekoppelt. Schnell mahnt Penny, die Zugbegleiterin, wieder zum Einsteigen.
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| Von sechs Lokomotiven gezogen erreicht der TranzAlpine den Bahnhof an Arthurs Pass. Den Berg herunter geht es mit nur zwei Lokomotiven | |||
Vom Pass aus führt die Strecke nach Osten wieder bergab. Langsam wird die Landschaft richtig aufregend. Wir fahren durch breite Flusstäler, an hohen Bergen entlang, durch viele Tunnel und über einige Viadukte. Den größten Teil der Fahrt verbringe ich auf der vollen Aussichtsplattform, wo ich mit Mühe einen Platz an der Reling ergattere. Windig ist es auch, aber der Fahrtwind ist eine angenehme Abkühlung, denn heute ist ein sehr warmer Tag. Nur in den Tunneln ist es auf der Plattform unangenehm. Dann steigt einem der Dieselgeruch voll in die Nase, doch glücklicherweise sind die Tunnel alle recht kurz.
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Als wir die Berge verlassen und in die Canterbury Plains einfahren, wird die Landschaft flach, grün und etwas langweilig. Hier, auf der Ostseite der Berge, ist das Klima viel milder und weniger wechselhaft. In Canterbury wird viel Landwirtschaft betrieben und so fahren wir durch große, grüne Felder. Nur noch eine gute Stunde bis Christchurch. Ich verlasse die Plattform und gehe zurück zu meinem Platz. Dort esse ich die letzten getrockneten Aprikosen -- was ich später am Abend mit grauenhaften Bauchschmerzen bereuen werde.
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| Auf dem Weg durch die Alpen nach Osten. | |||
Der Zug erreicht den Bahnhof von Christchurch mit einer Stunde Verspätung. Dieser Bahnhof ist deutlich größer und moderner als der in Greymouth, laufen hier doch die beiden Bahnlinien der Südinsel zusammen. Ich hole mein Gepäck, schaffe es aber nicht, eins der ersten Shuttles in die Stadt zu erreichen. Der Andrang ist sehr groß. Nach mehr als einer Viertelstunde, die mir mit den Bauchschmerzen ewig vorkommt, nimmt mich ein Shuttle mit in die Innenstadt zum Chester Street Backpacker. Doch bevor ich dort abgeladen werde, steuert der Fahrer noch drei weitere Hostels an und setzt Fahrgäste ab.
Es ist nach acht Uhr, als ich bei Anikka, einer der beiden Schwedinnen, die hier im Hostel arbeiten, einchecke. Im Dreierzimmer nehme ich mir das einzige freie Bett. Die anderen Betten sind von einem amerikanischen Radfahrer und einem älteren Mann belegt.
Den Abend verbringe ich in der Küche und schreibe weitere Tagebucheinträge. Das Backpacker macht einen urgemütlichen Eindruck. In der Küche steht ein großer Holztisch für alle Gäste, die Lounge sieht eher aus wie ein normales Wohnzimmer, die Zimmer haben nicht mehr als drei Betten. Alles wirkt sehr familiär. Im Garten steht ein aufgearbeiteter Reisebus aus den 1930er Jahren, in dem die beiden Schwedinnen wohnen. Außerdem gibt es das Car-B-Q. Ein halber, feuerroter Anglia Deluxe ist in die Hauswand eingelassen. In seinem Kofferraum ist ein Grill untergebracht. Wenn ich das beste Hostel der Tour wählen müsste, würde es mir echt schwer fallen, mich zwischen dem Freestone in Manapouri und dem Chester Street zu entscheiden. Sie sind beide ganz unterschiedlich, aber beide sehr liebenswert.
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| Chester Street Backpacker | Schlafen im Bus für die Angestellten | Das Car-B-Q im Kofferraum eines Anglia Deluxe. Leider weiß ich nicht den Namen meiner reizenden Assistentin, ich werde sie Maren nennen. | |
Später am Abend lerne ich in der Küche Shinsuke kennen, einen Japaner, der bereits seit sieben Jahren in diesem Haus wohnt -- auch schon zu Zeiten, in denen es noch gar kein Backpacker war, sondern eine normale Wohngemeinschaft. Ich frage ihn, ob er weiß, wieviele Menschen er in dieser Zeit kennengelernt hat. Er habe das letztens erst hochgerechnet und ist dabei auf ca 6.000 Besucher gekommen. Wir sitzen an diesem Abend lange zusammen und haben viel Spaß miteinander. Durch seine Arbeit im Duty Free Shop spricht er ein paar Brocken Deutsch. Er erklärt mir eine Menge über Japanisch, besonders über die Schriftsprache. Sein PDA hilft uns dabei. Die Handschriftenerkennung der chinesischen Zeichen ist schon witzig.
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| Der große Esstisch | Vinnie the cat | Shinsuke |
Als ich später ins Schlafzimmer gehe, trete ich in die muffigste Luft, die ich bisher in einem Backpacker gerochen habe. Ich verdächtige sofort den alten Mann, der Verursacher des Geruchs zu sein und rolle mich tief in meinen Schlafsack.
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