Dienstag, 30.11.2004

Raglan, Sydney

Der Vorteil, wenn man nicht ganz spät am Tag abreist, besteht darin, dass man vor lauter Reisevorbereitungen keine Zeit hat, wehmütig zu werden. Bis das Flugzeug am frühen Nachmittag in Auckland abhebt, sind noch ein paar Etappen zu nehmen. Etappe 1 beginnt morgens um 07:00 Uhr mit dem früh Aufstehen. Um halb neun sind Björn, Noah und ich bereit zum Abmarsch: Als letztes werde ich noch Noahs Kindergarten kennenlernen, bevor ich das Land verlasse. Der Kindi ist sehr schön. Zwar kein Montessori-Kindergarten (und ich kenne ja keine anderen), dennoch gibt es eine Menge Spielzeug, natürlich viele Kinder und einige Eltern. Es ist ein komisches Gefühl zu sehen, wie Björn die Eltern der anderen Kinder begrüßt. Ganz ähnlich wird es sich dreißig Jahre vorher auch in einem Kindergarten in Düsseldorf-Lohausen abgespielt haben, nur dass damals Björn und ich die Kinder waren und sich so unsere Eltern kennengelernt haben. Am Anfang ist es schwierig, Noah davon zu überzeugen, dass sein Papa und ich aufbrechen müssen und er mit den anderen Kindern spielen soll. Aber irgendwann reißen wir uns los und fahren in Richtung Hamilton Transport Centre, wo um Viertel nach zehn mein Bus Richtung Auckland losfahren soll.

Auf der Fahrt nach Hamilton nehme ich Abschied von der schönen Gegend rund um Raglan. Ich bin mir sicher, dass dies nicht das letzte Mal war, dass ich hier zu Besuch hergekommen bin. Hamilton erreichen wir ein wenig zu früh, aber Björn wartet netterweise noch, bis der Intercity Bus ankommt. Nun heißt es auch für uns, Abschied zu nehmen. Schade, die Zeit war wirklich wunderschön.

Die Strecke nach Auckland ist mir mittlerweile ganz gut vertraut. Auch das Einkaufszentrum in Manukau, südlich von Auckland, kenne ich bereits. Dort muss ich umsteigen in ein kleines Shuttle, dass mich die letzten Kilometer bis zum Flughafen bringen soll. Laut Fahrplan habe ich drei Minuten zum Umsteigen. Der Busfahrer lässt mich und zwei weitere Reisende raus, fischt unser Gepäck aus dem Stauraum und fährt weiter nach Auckland. So ganz habe ich nicht verstanden, wo genau das Shuttle nun losfahren soll. Aber es ist ja kurz vor zwölf und es soll gleich losfahren. Gegen Viertel nach zwölf werde ich langsam etwas unruhig. Bis zum Abflug ist zwar noch viel Zeit, einen reservierten Platz habe ich auch schon, aber trotzdem nimmt in solchen Situationen auch gerne eine allgemeine Unsicherheit überhand, ob nicht ein furchtbar großes Missverständnis vorliegt. Aber das Warten hat bald ein Ende. Um kurz vor halb eins taucht der Fahrer auf, murmelt etwas von "Muss noch Papiere holen" und verschwindet im Einkaufszentrum. Keine zehn Minuten später ist er wieder da, holt den Wagen vom Parkplatz und mit vierzig Minuten Verspätung fahren wir los. Die Fahrt ist kurz und wir erreichen den Flughafen nach einer Viertelstunde. Praktischerweise hält der Fahrer direkt vor dem Eingang, hinter dem die Schalter von Thai Airways liegen.

Eine halbe Stunde später halte ich meine Bordkarte für den Flug nach Sydney in der Hand und habe die Ausreisegebühr bezahlt. Bis zum Abflug ist noch reichlich Zeit und ich habe reichlich Hunger. In einem Café esse ich noch einen etwas fiesen Meat Pie. Den Rest der Zeit verbringe ich in einem Buchladen. Auf dem Weg zum Gate sehe ich am Duty Free Stand noch eine mir unbekannte DVD mit neuen Folgen von "The Office". Gut, dass ich noch soviel Bargeld übrig habe. Wenn ich schon keine Bücher kaufe, dann wenigstens DVDs. Immerhin wiegen die fast nichts.

Ein toller Moment bei der Ausreise: Die Zollbeamtin blättert durch meinen Pass, sieht die beiden Einreisestempel und fragt "Are you planning to come back to New Zealand?" "Yes, certainly", ist meine Antwort. Und nun kommt der Satz, den ich von allen, außer von Zollbeamten erwarten würde: "We're looking forward to seeing you again." Wow. Müssen solche Leute nicht offiziös und herablassend sein? Offenbar nicht. Zumindest nicht hier.

Eine besondere Eigenschaft von Thai Airways scheint zu sein, dass das Boarding immer später beginnt als geplant und dann auch noch lange dauert. Heute ist keine Ausnahme.

An Bord versinke ich sofort in mein Tagebuch und schreibe, schreibe, schreibe. Es gibt ein wenig inspirierendes Essen und einen nicht besonders spannenden Film, also ist die Gelegenheit günstig, im Reisebericht ein paar Tage aufzuholen, denn ich bin arg hinterher. Nach drei Stunden landen wir in Sydney. Auch hier müssen alle Passagiere aussteigen, doch die wenigsten reisen in Australien ein. Die große Halle mit den Immigration-Schaltern ist fast leer, nur ein paar verlorene Gestalten warten vor den Schaltern auf den Stempel im Pass. Den bekomme ich schnell, auch das Gepäck ist flott da. Nur an der Quarantäne gucken die Beamten seltsam. Total pflichtgemäß habe ich auf der Einreisekarte eingetragen, dass ich in meinem Ursprungsland in ländlichem Gebiet war und Kontakt mit Tieren hatte. Die Beamten werden etwas nervös, fragen nach. Meine Erklärung, dass es sehr schwer ist, in Neuseeland nicht irgendwann mal mit einem Schaf in Kontakt zu kommen, beruhigt sie. Die Stimmung wird sofort merklich gelöster. Nur die Schuhe wollen sie sehen, aber an denen klebt auch kein Schlamm mehr.

Am Geladutomaten hole ich meine erste Ladung australisches Geld ab. Auch diese Banknoten bestehen aus Kunststoff. Die nächste Aufgabe ist, das Shuttle zu finden, das mich in die Innenstadt bringt. An Shuttles herrscht vor dem Terminal kein Mangel, aber ich suche das KST Shuttle. Das Wake Up! Hostel, bei dem ich für die drei Nächte ein Bett gebucht habe, bezahlt den Gästen den Transfer vom Flughafen aus. Das ist ein guter Service, den ich mir nicht entgehen lassen will. Doch keiner der anderen Fahrer ist besonders hilfreich. Die Antworten reichen von "Kenne ich nicht" bis "kommt immer erst sehr spät". Bin etwas hilflos: Es ist brüllend heiß (deutlich über 35°), sobald ich stehen bleibe, bin ich übersäht von kleinen Fliegen, das Gepäck ist schwer und ich weiß nicht richtig, wie es nun weiter gehen soll. Ein anderer Wartender empfiehlt mir, nochmal im Terminal zu schauen. Und richtig, dort finde ich sehr schnell einen Fahrer mit einem KST Badge auf der Brust. Nun folgt eine Reihe von Ereignissen, die ich nicht verstehe. Der Fahrer bittet mich, wieder vor das Terminal zu gehen. Dort fährt ein Bus vor, in den ich als einziger Passagier einsteigen soll. Nun spricht der KST-Mitarbeiter hektisch in sein Funkgerät. Scheinbar versucht er, mich an eine andere Busgesellschaft zu verkaufen. Statt auf die Innenstadt steuern wir auf den Domestic Terminal zu, der eine Viertelstunde von dem Internationalen Terminal entfernt liegt. Dort werde ich rausgelassen mit den Worten "Da vorn steht dein Bus". Ich sehe den Bus zwar nicht, weil hier alles voller Autos und Menschen ist, schleppe meinen Rucksack aber doch in Richtung der gezeigten Bushaltestelle. Und doch, dort steht tatsächlich ein weiteres KST Shuttle: In dem Minibus ist noch ein einziger Platz frei. Die Frage "Are you from the International Terminal?" legt nahe, dass er wirklich auf mich wartet. Im Bus ist es voll und heiß, aber ich höre einem interessanten Gespräch zwischen den Mitreisenden zu. Meine Sorge, nicht zu wissen, wo ich aussteigen muss, zerstreut sich auch sehr bald, denn das Wake Up! Hostel ist nicht zu übersehen.

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Das Wake Up! Hostel in Sydney: Ein ehemaliges Kaufhaus Die Rezeption, 24 Stunden am Tag besetzt.

Ein Hostel dieser Art habe ich auf der Fahrt noch nicht gesehen: Riesengroß, eher schon ein Hotel mit Mehrbettzimmern, hat es nichts mehr mit der familiären Atmosphäre des Freestone oder Chester Street Backpacker zu tun. Aber trotzdem sind die Leute enorm freundlich und geben mir das Gefühl, ein spezieller Gast zu sein. Ich bekomme die Zugangskarte, die der Schlüssel zu allem ist in diesem Haus. Damit fahre ich in den vierten Stock und suche mein Zimmer. Habe Glück: es ist noch ein unteres Bett im Viererzimmer frei. Die Betten haben keine Leitern. Die armen Menschen, die oben schlafen, müssen ein wenig klettern.

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Zimmer 407 im orangenen Stockwerk

Zu allererst entledige ich mich meiner viel zu warmen Klamotten. Dann geht es mir besser. Nach einer Pause stürze ich mich mit dem groben Plan, heute noch die Oper anzuschauen, in das Getümmel der Großstadt. Hier bekomme ich den totalen Kulturschock: Sydney ist eine richtig große Metropole. Das hatte ich mir etwas anders vorgestellt. Zwar großstädtisch, aber doch etwas beschaulicher. So laufe ich die George Street und später die Pitt Street in Richtung Hafen hinunter. Erst als ich die Pitt Street verlasse, in Richtung des botanischen Garten gehe und wieder etwas grün vor den Augen habe, kann ich wieder klar denken. So viele Menschen, Autos, Läden, Lärm, Hektik ist etwas zuviel auf einmal nach den drei Wochen Ruhe in Neuseeland.

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Straßenszenen aus Sydney: So großstädtisch hätte ich es hier nicht erwartet. Der Kulturschock ist massiv.
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Am Rand des botanischen Gartens laufe ich bis zur Oper. Bin absolut überwältigt von dem Ensemble aus Oper, Harbour Bridge und den Hochhäusern rund um die Fähranleger am Circular Quay. Ein Fest für Fotografen, zumal zwischen den Hochhäusern im Westen gerade die Sonne untergeht. Mir fällt auf, dass die Fotos, die ich von der Oper kenne, die drei Muscheln von der Hafenseite her zeigen. Von der Stadtseite gibt es auch einige interessante Perspektiven, zum Beispiel die breite Treppe, die zum Eingang hinaufführt.

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Sydney Opera House: Ein paar eher unbekannte Seiten.

Hier laufe ich umher, mache Fotos von der beleuchteten Skyline und versuche, in Ruhe ein wenig den Lonely Planet zu studieren, ob es in der Nähe ein Café für ein Abendessen gibt. Doch auch hier kann ich kaum 30 Sekunden sitzen, ohne von einer Horde Fliegen angefallen zu werden. Ob ich vielleicht etwas strengen Körpergeruch habe? Wäre ja kein Wunder nach dem Tag im Flugzeug. Ich bin nicht sicher, ob die anderen Menschen auch von Fliegen umgarnt werden. Mein Blick geht nach links und rechts, doch ich kann nichts erkennen. Ist auch schon zu dunkel.

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Harbour Bridge Sonnenuntergang und Dunkelheit über den Hochhäusern am Circular Quay.

Als ich die Biester nicht mehr aushalte, gehe ich los in Richtung The Rocks, dem ältesten Viertel von Sydney auf der anderen Seite des Fähranlegers. Hier habe ich wieder das blöde Dilemma, dass ich zwar hungrig bin, aber keine Lust habe, allein in ein volles Restaurant zu gehen. Ist ein Zeichen, dass ich mich noch nicht ausreichend an die neue Umgebung gewöhnt habe. Leider finde ich auch keine Pizza-auf-die-Hand Bude, die jetzt genau richtig wäre. Stattdessen erkunde ich die Rocks, bewundere den Gegensatz zwischen alten, kleinen Häuschen und riesigen Hochhäusern ein paar hundert Meter weiter.

Vielleicht gibt es ja in der Bar im Keller des Hostels einen Snack. Außerdem habe ich ja einen zwei-für-eins Gutschein für die Bar bekommen, den kann ich vielleicht noch einlösen. Zurück fahre ich mit der U-Bahn, die vom Circular Quay aus in einer seltsamen Schleife um die Innenstadt herum fährt. Das Netz ist nicht sofort zu durchblicken, aber bis zum Bahnhof, der neben dem das Wake Up! liegt, sind es nur wenige Stationen. Am Bahnhof nehme ich einen etwas ungünstigen Fußweg durch einen langen Tunnel, erreiche aber das Hostel ganz gut. In der Side Bar im Keller gibt es um 22 Uhr nichts mehr zu essen, aber dafür ist heute Bingo-Nacht. Auch spannend. Ist ein seltsames Spiel, besonders wenn es ausschließlich von Leuten unter 30 gespielt wird.


Copyright (c) 2004/2005 Alexander (reiseberichte@barmblognord.com).
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