Donnerstag, 02.12.2004

Sydney

Heute ist wieder einer der Tage, an denen ich mich extra schwer tue, ein Frühstück zu finden. Bin nach dem Aufwachen sehr hungrig und laufe los in Richtung Chinatown, um irgendwo ein schönes Café zu finden. Natürlich finde ich gar nichts, was mich zum Reingehen verleitet. Genauer: Ich finde gar kein Café. Als ich die Suche schon fast aufgegeben habe und schon fast ein wenig schlecht gelaunt bin vor Hunger, fällt mein Blick doch auf genau den Laden, den ich gesucht habe: Eine Bar, eine offene Küche, nicht so teuer -- prima! Hier lasse ich mir ein warmes Frühstück kochen, trinke eine Kanne Tee und lese sehr ausführlich den Sydney Morning Herald. Am Tag vorher hat die Regierung von New South Wales ein Konzept vorgestellt, wie sie gedenkt, die Probleme mit der Zuverlässigkeit der Züge in der Region zu lösen. Interessante Idee: Einfach die Zugdichte in den Nebenzeiten verringern, um Material und Personal für die Stoßzeiten zu schonen. Nicht sehr nachhaltig.

Das Ziel für den letzten Tag in Sydney ist der Olympic Park. Ich habe die Olympischen Spiele 2000 zwar kaum verfolgt, aber es interessiert mich doch, wie die Anlagen der "Best Games ever" sich heute präsentieren. Die Fahrt dorthin möchte ich zu einer größeren Rundfahrt machen: Mit dem Zug hin, dann durch den Olympic Park laufen und mit der Hafenfähre zurückfahren. An der U-Bahn Town Hall versuche ich herauszufinden, wie ich am besten zu den Spielstätten komme. Eine Direktverbindung finde ich nicht, also muss ich umsteigen, aber das werde ich schon hinkriegen.

Mit einem Zug der gelben Linie fahre ich nach Lidcombe. Von hier aus fährt alle zwanzig Minuten ein Shuttle-Zug zum Olympic Park. Der Bahnsteig des Shuttle-Zugs liegt ein wenig abseits und ist winzig. Auch hier habe ich wieder das Gefühl des Verlorenseins, wie es nur Auswärtige haben können: Ich bin der einzige Fahrgast auf dem Bahnsteig und wer weiß schon, ob hier heute überhaupt noch ein Zug fährt? Nach einer Viertelstunde kommt der Zug endlich.

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Abfahrt in Lidcombe... ...Ankunft im Olympic Park

Der Unterschied zwischen der Haltestelle in Lidcombe und dem Bahnhof am Olympic Park könnte kaum größer sein. Ich steige im Tiefgeschoss einer riesigen Halle aus. Hier sieht man sofort, dass die Anlage dafür ausgelegt ist, zigtausende Besucher zu den Spielen zu transportieren. Der Olympic Park selbst ist ebenfalls sehr groß. Weitläufige Boulevards bestimmen das Bild, doch es ist kaum etwas los hier. Ein paar vereinzelte Touristen haben sich hierher verirrt, um das Telstra Stadium, das Aquatic Centre, den Park "The Overflow" mit dem Olympischen Feuer und die anderen Sportstätten anzuschauen. Ich bin erstmal überwältigt von der Größe der Anlage. Als nächstes werde ich überwältigt von den Fliegen, die mich attackieren. Bin offenbar wieder näher am Wasser. Heute bin ich besser vorbereitet: Schnell schmiere ich mein Gesicht mit dem Gel ein, das ich gegen die Sandflies in NZ gekauft habe. Es zeigt Wirkung -- auf einmal hat mein Fliegen Sex-Appeal deutlich nachgelassen. An einer Telefonzelle rufe ich nochmal bei Roswitha an und vertelefoniere das restliche Guthaben auf der BBH-Card.

Die erste Sehenswürdigkeit, die mich hier in ihren Bann zieht, ist der Stelenpark vor dem Telstra Stadium. Hier sind auf hunderten von Säulen die Namen aller Freiwilligen vermerkt, die bei den Spielen mitgeholfen haben. Eine sehr schöne Anerkennung. Doch das ist nicht alles hier: In manchen der Stelen sind Lautsprecher eingelassen, manche haben einen kleinen Videoschirm, auf dem ein Ausschnitt der Spiele oder eine Dokumentation gezeigt werden. Auf wieder anderen sind die Hochsprungergebnisse markiert, die Marathonlinie aufgemalt oder ein Basketballkorb befestigt, oder oder oder. Hier verbringe ich eine lange Zeit und freue mich an dem Stolz der Sydneysider, mit dem sie über vier Jahre nach den Spielen dieses Ereignis präsentieren.

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Der Volunteer Walk vor dem Telstra Stadium

Es sind nur wenige Meter bis zum Eingang des Telstra Stadium. Dort stelle ich fest, dass es zwar Besichtigungstouren gibt, dass sie aber $27 kosten und dass die Tour um 13:30 Uhr gerade angefangen hat. Die nächste wird um 14:30 stattfinden. Es gibt zwar auch eine kurze Tour, aber die finde ich nicht so attraktiv. Wenn schon Tour, dann auch überall hin. Ich schiebe die Entscheidung auf und laufe noch ein wenig durch den Park. Das Olympische Feuer sieht interessant aus. Außerdem brennt es gerade. Ob das Zufall ist, die Anlage gerade gewartet wird oder es regelmäßig brennt, weiß ich nicht. Sieht aber nett aus. Der Park, in dem der "Cauldron" steht, hat noch ein paar andere Attraktionen.

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The Overflow mit dem multifunktionalen Olympischen Feuer

Um 14:30 gehe ich wieder zum Stadion, nachdem ich lange überlegt habe, ob mir die Tour das Eintrittsgeld wert ist. $27 sind viel, besonders, da meine Bargeldvorräte langsam zur Neige gehen und ich nicht nochmal Geld abheben will. Sydney war ohnehin schon teuer genug. $20 wären ja OK, aber $27 ist eigentlich schon jenseits der Schmerzgrenze. Blöde Unentschlossenheit. An der Information im Eingang des Stadions höre ich, dass die Tour um 14:30 leider ausfällt, aber um 15:30 sei noch Platz. Hmmmm, eine Stunde warten und viel Geld ausgeben ist auch nicht toll. Also trolle ich mich wieder, und zerbreche mir den Kopf darüber, was ich eigentlich will. Im Information Centre empfiehlt man mir die Fahrt auf die Aussichtsplattform des Hotels. Das Novotel liegt schräg gegenüber. Die Aufzugfahrt kostet nur $4. Von dort oben hat man wirklich einen guten Blick über die Anlage.

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Das Telstra Stadium

Kurz vor dem Start der Stadiontour gebe ich mir einen Ruck und entschließe mich, das Geld für die Führung doch auszugeben. Eher im Spaß frage ich, ob ich mit der BBH Card eine Ermäßigung bekomme. Klar, das gehe, und so kostet die Tour nur $19,50. Hätte ich das mal früher gefragt...

Die Gruppe für die Führung ist sehr klein. Wir sind gerade mal sechs Personen: zwei Schwedinnen, ein Paar aus England, ein etwas älter Pole und ich. Eine rein europäische Veranstaltung, wie der Pole erfreut feststellt. Ron, ein dicker und freundlicher Mann um die 50 wird uns die nächste Stunde durch das Stadion führen.

Die Tour ist sehr interessant. Ich bekomme zwar nicht raus, was er normalerweise im Stadion macht, aber er scheint schon eine sehr verantwortungsvolle Position zu haben. Sein Hintergrundwissen ist enorm. Nach einer halben Umrundung des Spielfeld durch die Laufgänge geht die Tour geht von oben nach unten durch das Gebäude.

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Der Rundgang in der unteren Ebene des Stadions

Auf dem Weg zum Aufzug erfahren wir schon, dass das Stadion seit den Spielen massiv umgebaut wurde, um eine wirtschafliche Nachnutzung zu möglich zu machen. Als wir die oberen Zuschauerränge betreten und die ersten Blicke in die Schüssel werfen, wird es sofort klar: Es gibt keine Leichtathletikanlagen mehr, die beiden seitlichen Tribünen sind abgebaut worden und die Empore, auf der das Feuer entzündet wurde, ist verschwunden. Das Feuer steht ja auch außerhalb des Stadions im Park. Ron erzählt eine Menge über die beweglichen Tribünen, die beruhigende Farbgebung der Sitze und die Sportereignisse, die hier stattgefunden haben, bevor wir uns Etage für Etage nach unten bewegen. Zuerst die VIP Lounge, eine sehr große Bar. Es folgen eine Besichtigung des einen großen Konferenzsaals, der Pressekabinen, der Radiokabinen und ein Blick auf die besonders aufwendig gestalteten X-Seats, die von Einzelpersonen für eine unanständige Menge Geld gepachtet worden sind.

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Blick in die Schüssel vom 6. Stock aus.
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Die VIP Lounge Einer der beiden großen Konferenz- und Partysäle Die Pressekabine

Immer tiefer gehen wir in die Eingeweide des Stadions hinunter, bis in den Sportlerbereich. Hier besichtigen wir die Umkleidekabinen, die Briefing-Räume und die Aufwärmräume in unmittelbarer Nähe des Spielfelds. Zuletzt klettern wir noch unter die Tribünen und sehen die großen Motoren, mit denen die seitlichen Tribünen auf den Rasen geschoben werden können, um für bestimmte Sportarten das Feld kleiner zu machen.

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Gang zu den Umkleidekabinen Ron erklärt, warum jeder Spieler einen abgeteilten Bereich hat. Der Aufwärmraum Unter den beweglichen Tribünen

Dann kommt endlich der Moment, in dem wir das Spielfeld selbst betreten. Über ein Stück der Original Tartanbahn gehen wir auf den Rasen zu. Hier steht auch das kleine Podest, auf dem die Sportler vor vier Jahren ihre Medaillen entgegengenommen haben. Klar, dass alle darauf fotografiert werden wollen. Bis auf die eine Schwedin, die meint, dass das Unglück bringe, falls sie doch noch selbst eine Goldmedaille gewinnen wollte. Da ich in solchen Situationen grenzenlos leichtgläubig bin, nehme ich ihr das auch ab -- sportlich genug sieht sie aus.

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Einlauf der Gladiatoren (aus der Perspektive des Gladiators) An diesem Foto kommt man hier nicht vorbei.

Dann nähert sich die Tour ihrem Ende. Statt der geplanten Stunde waren wir fast eineinhalb Stunden unterwegs. Wir laufen durch den Concourse zurück, verabschieden uns von Ron und dann zerteilt sich die kleine Gruppe wieder in alle Richtungen. Ich bin froh, diese Tour mitgemacht zu haben und ärgere mich ein wenig über den Affentanz, den ich vorher veranstaltet habe. Aber hinterher ist man ja immer schlauer.

An der Bushaltestellte nördlich der U-Bahn erreiche ich den Bus, der durch das Olympische Dorf, das heute Newington heißt und ein beliebter Stadtteil ist, fährt und nach einer knappen halben Stunde den Fähranleger erreicht. Der Rivercat-Katamaran wartet schon und ich spurte die Gangway hinunter. Die Fahrt über den Parramatta River und durch den Sydney Harbour dauert ungefährt 45 Minuten. Einen Teil der Zeit verbringe ich an Deck, obgleich es ziemlich kalt und windig ist.

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Mein Rivercat

Am Circular Quay herrscht absoluter Berufsverkehr. Ich beschließe, mit dem Bus in Richtung Chinatown zu fahren und dort etwas zu essen zu suchen. Ich nehme mir vor, nicht mehr so wählerisch zu sein wie am Morgen, denn das war keine schöne Suche. Ich nehme den erstbesten Bus, der in Richtung Central Station fährt. Irgendwo werde ich schon Chinatown sehen und dann aussteigen. Doch ich habe die Rechnung ohne den Berufsverkehr gemacht: Nach einer zwanzig Minuten ist der Bus gerade mal einen Kilometer gefahren. Außerdem ist es sehr voll. Etwas genervt steige ich aus und laufe den Rest des Weges zu Fuß. Allerdings nicht, ohne in einer Buchhandlung kleben zu bleiben. Dort entdecke ich die beiden fiktiven Reiseführer "Molvania" und "Phaic Tan", die beide sehr komisch sind. Ich erinnere mich aber an die Buchkauf-Abstinenz und laufe weiter Richtung Chinatown.

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Chinatown

Etwas unsicher ob der Dinge, die mich erwarten, steige ich die Stufen zum Dixon House Food Court hinab. Dort empfängt mich eine helle, bunte, laute und hektische Atmosphäre -- also genau das, was ich als Alleinreisender suche. In der Mitte des niedrigen Raumes sitzen viele Menschen an Plastiktischen. Hier kann der Besucher bei ungefähr 20 verschiedenen Verkäufern sein Essen auswählen. Diese Läden sind nicht mehr als ein kleines Loch in der Wand, hinter dem sich eine winzige Küche verbirgt. Dort kochen viele Asiaten die unterschiedlichsten Dinge zusammen. Speisekarten gibt es nicht, dafür ist jeder freie Quadratzentimeter an den Wänden mit Fotos der Speisen beklebt.

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Dixon House Food Court

Ich entscheide mich für einen Japanisch-Koreanischen Stand und bestelle eine Portion gebratenen Reis. Während der zubereitet wird, kaufe ich an einem anderen Stand ein Bier, das ungefähr soviel kostet wie das Essen. Sauerei. Das Essen schmeckt aber gut.

Gesättigt laufe ich die letzten 500 Meter zum Wake Up! zurück und gehe auf mein Zimmer. Dort packt gerade Andy seinen Rucksack in die Ecke. Er ist Brite, sehr jung und ist gerade aus London angekommen. Er macht einen netten und unerfahrenen Eindruck, es ist seine erste größere Auslandsreise. Um den letzten Abend nicht allein zu verbringen, lade ich ihn auf ein Bier in die Bar ein. Dort tobt die Karaoke Nacht, wie man schon im Aufzug im vierten Stock hören kann. Trotzdem schaffen wir es, uns zu unterhalten und das eine oder andere Bier dabei zu trinken. Um 23 Uhr gehe ich ins Bett.


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