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<diary prev="20041121" next="20041123">

  <eintrag datum='2004-11-22'>

    <datum>Montag, 22.11.2004</datum>

    <ort>Christchurch</ort>

    <p>
      Der Tag beginnt mit einem langen Vormittag. Ich komme einfach
      nicht in die Puschen an diesem Morgen. Das Chester Street
      Backpacker ist aber auch sehr gemütlich mit seiner großen
      Küche. Richtig wach werde ich erst, als ich im Bad den
      Wasserhahn zu schnell aufdrehe: Ein markerschütterndes Knattern
      dröhnt los, als ob jemand mit der Hilti neben mir eine Betonwand
      bearbeitet. Das Geräusch hatte ich nachts schon ein paar Mal
      gehört und konnte mir gar nicht erklären, was das ist.
    </p>
    <p>
      Erst am späten Vormittag mache ich mich daran, die Stadt zu
      erkunden. Vom Hostel aus sind es kaum zehn Minuten Fußweg bis
      zum zentralen Cathedral Square, doch ich mache einen Umweg und
      brauche ein wenig länger. Vor der Kathedrale, die für
      europäische Verhältnisse keine besonderen Kathedralen-Ausmaße
      hat, wird ein Beitrag für eine Fernsehsendung gedreht. Eine
      Gruppe Maori führt einen Tanz vor und wie immer, wenn irgendwo
      eine Fernsehkamera zu sehen ist, bildet sich sofort eine große
      Menschentraube.
    </p>

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	  Cathedral Square mit Milleniumskunst
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	  Bitte dem Weihnachtsschmuck Beachtung schenken.
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    <p>
      Mir ist gar nicht klar, wie ich diesen und den nächsten Tag
      verbringen soll. Nach den ländlichen Stationen der letzten zehn
      Tage möchte ich viel lieber eine Wanderung machen, als in eine
      Großstadt einzutauchen. Im Information Centre wird es schon
      passende Anregungen geben, denke ich, und begebe mich
      dorthin. Ist nicht weit, das Gebäude liegt direkt am Cathedral
      Square. So richtig fündig werde ich dort aber auch nicht. Es
      gibt zwar einige Aktivitäten, die einen aus der Stadt
      herausführen, aber mich spricht keine der Broschüren ausreichend
      an. Der Tag ist noch lang, werde später wiederkommen und nochmal
      schauen, wenn ich etwas inspirierter bin.
    </p>

    <p>
      Eine Straße weiter, in der Worcester Street, sieht man, weswegen
      Christchurch als die englischste aller Städte des Landes gilt:
      Vor dem Arts Centre auf dem Weg zum botanischen Garten komme ich
      mir vor wie in einer alten englischen Universitätsstadt. Das
      Arts Centre ist in den ehemaligen Gebäuden der University of
      Canterbury untergebracht, also lag ich nicht falsch mit dem
      Eindruck. Einer der berühmtesten Forscher dieser Universität ist
      der Physiker Ernest Rutherford. Man hat ihm eine Ausstellung
      gewidmet, deren Herzstück der alte Vorlesungssaal ist, in dem
      Rutherford geforscht hat. Sie ist ganz nett gemacht, doch
      trotzdem fehlt ihr der letzte Kick.
    </p>

    
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	The Arts Centre formerly known as the University of
	Canterbury. Kein Wunder, dass man sich hier vorkommt wie in
	England.
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    <p>
      Nach den etwas dunklen Uni-Räumen zieht es mich in den
      Botanischen Garten, der direkt gegenüber dem Arts Centre
      liegt. Doch bevor ich mich auf die große Wiese setzen kann, um
      ein wenig zu lesen, muss ich nochmal zurück in die Ausstellung,
      weil ich mein Brillenetui verloren habe. Finde es zum Glück
      wieder. Immerhin war ich in den letzten Tagen nicht ganz so
      vergesslich wie am Anfang der Reise in Queenstown.
    </p>

    <p>
      Nach einer Stunde im Park wird es doch ein wenig kalt. Seltsam
      eigentlich, denn die Sonne brennt recht erbarmungslos vom
      Himmel. Doch gleichzeitig weht ein kalter Wind vom Meer in die
      Stadt, dass es mir mit einem T-Shirt im Schatten wirklich zu
      kühl wird. Um mich aufzuwärmen, drehe ich eine Runde um die
      Innenstadt herum. Sehr malerisch windet sich der Fluss Avon
      durch die Stadt. Die Uferanlagen sind sehr schön hergerichtet
      und man kann gut am Ufer entlanglaufen. Wer nicht laufen mag,
      kann die Runde auch mit einer restaurierten, historischen
      Straßenbahn drehen. An einer der Bahnen entdecke ich, dass ein
      Kinderwagen vorn drangehängt mitfährt.
    </p>

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	  Historische Straßenbahn
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	  Spazierweg entlang des Flusses Avon
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	  Der Botanische Garten
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    <p>
      Auf dem Weg in die Stadt nehme ich einen Imbiss in einer
      französischen Bäckerei und werfe einen Blick auf meine Mail in
      einem der zahlreichen Internet-Läden, die hier fest in
      asiatischer Hand sind. Zurück am Cathedral Square starte ich
      einen zweiten Anlauf, im Information Centre eine Unternehmung für
      den morgigen Tag zu finden. Finde zwar wieder nichts Tolles,
      nehme aber immerhin einen Linienplan des Busnetzes und einige
      Fahrpläne mit.  Christchurch macht auf der einen Seite einen
      sehr geschäftigen Eindruck, bietet aber andererseits auch sehr
      viele Möglichkeiten zur Entspannung. Scheint eine gute Mischung
      zu sein, doch trotzdem zieht es mich für den nächsten Tag doch
      wieder weiter nach außerhalb.  Auf einer Bank vor dem
      Information Centre reift langsam eine Idee: Der Lonely Planet
      empfiehlt ein Café in Sumner, einem schicken Vorort am Meer. Von
      dort aus soll es auch ein paar schöne Wanderwege an der Küste
      entlang geben. Dort kommt man bequem mit dem Stadtbus
      hin. Gebongt.
    </p>

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	  Dieses Haus zieht gerade um. Ehrlich!
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    <p>
      Auf dem weiteren Weg durch die Innenstadt gebe ich mich
      schließlich doch einem Vergnügen hin, dem ich bislang abstinent
      geblieben bin: Ein Buchladen. Anders als bei der letzten Reise
      habe ich bisher kaum gelesen, viele Bücher liegen unangerührt in
      Raglan, noch mehr in Hamburg. So hatte ich mir eigentlich
      geschworen, dieses Mal kein Buch zu kaufen. Kann hier aber doch
      nicht widerstehen und kaufe ein Reisebuch durch England mit dem
      schönen Titel "A Fête Worse Than Death".
    </p>

    <p>
      Bin auf einmal mächtig hungrig. Am Arts Centre gab es einige
      Cafés, die der Lonely Planet hoch lobt. Im vegetarischen Dux de
      Lux sieht die Speisekarte gut aus, aber ich kann mich nicht
      entscheiden und gehe deshalb ins Le Café weiter. Zum Abendessen
      gibt es heute für mich das Pasta Special, sehr lecker. Die zwei
      Bier, die ich dazu trinke, hauen mich nach dem langen Tag in der
      Sonne doch etwas aus den Schuhen.
    </p>

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	Le Café und das Pasta Special am Abend.
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    <p>
      Den Weg ins Hostel bekomme ich dennoch hin, obwohl ich mich
      etwas schwankend fühle. Zwei Bier, ehrlich! Dort mache ich nicht
      mehr viel, setze mich auf die Terrasse und höre Musik. Um neun
      Uhr kommt Shinsuke von der Arbeit und begrüßt mich holprig mit
      "Guten Abend", das ich radebrechend mit "Konichi wa"
      beantworte. Spontaner, beidseitiger Lachanfall.
    </p>

    <p>
      Der alte Mann aus dem Zimmer hat sich in eine bildhübsche junge
      Frau verwandelt. So stinkt es zwar nicht mehr, aber diese Frau
      zieht den ganzen Abend über ein Gesicht, als ob ihr jemand ins
      Essen gespuckt hat. Ein "Hallo" kommt ihr zwar noch über die
      Lippen, aber ansonsten benimmt sie sich, als ob es eine
      Beleidigung wäre, dass man das Zimmer mit ihr teilt. Dabei war
      ich zuerst da.
    </p>

  </eintrag>
</diary>

