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Heute stehe ich zwar ein wenig früher auf als gestern, doch ganz früh ist es auch nicht mehr, als ich mich vom Hostel aus auf den Weg in die Innenstadt mache. Gefrühstückt habe ich noch nicht, das werde ich im Vorort Sumner machen, in dem Café an der Strandpromenade, das passenderweise On the Beach heißt. Auf dem Weg zur Bushaltestelle komme ich bei einem kleinen Friseur vorbei. Maschinenschnitte kosten hier $5, außerdem sind Termine nicht immer notwendig (wie das Schild verrät). Das lasse ich mir nicht entgehen. Nach zehn Minuten verlasse ich den Laden mit einem Drittel der Kopfhaare von vorher. Drei Millimeter war der einzige Aufsatz, der greifbar war. Auch kein großer Unterschied zu den üblichen vier Millimetern.
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| Ein Termin war gerade nicht notwendig. |
Das erste Mal in einer neuen Stadt mit einem Linienbus zu fahren, ist immer ein aufregendes Erlebnis. Ist das der richtige Bus? Wie sieht das aus, wo ich aussteigen muss? Habe ich die richtige Fahrkarte? All diese Fragen werden heute beantwortet, wenn ich mit dem Bus Nr. 3 von der zentralen Bushaltestelle (der Bus Exchange) nach Sumner fahre. Hier kommt noch die zusätzliche Schwierigkeit hinzu, den richtigen Bussteig zu finden. Der Komplex zieht sich durch einen ganzen Häuserblock. Es gibt verschiedene Abfahrtsbereiche und großzügige Wartesäle, die eher an einen Flughafen erinnern als an eine Bushaltestelle. Man steht auch nicht direkt an der Straße und wartet, denn die automatischen Türen zum Bussteig öffnen sich erst, wenn ein Bus davorsteht. Dafür wird aber jede Ankunft eines Busses über die Lautsprecher ausgerufen.
Mein Bus ist gerade weg, also muss ich zehn Minuten warten. Nicht viele Fahrgäste wollen um diese Zeit nach Sumner. Der Bus bleibt halbwegs leer. Wie bei der historischen Tram gestern nutzt der Busfahrer auch hier die Vorderseite des Wagens, um etwas dranzuhängen. Dieses Mal keinen Kinderwagen, sondern den Gehwagen einer älteren Frau. Die Fahrt führt schnell aus dem Stadtzentrum heraus. Der Charme der urbanen Innenstadt verfliegt schnell, stattdessen fährt der Bus bald durch eine Hauptstraße in die Vororte mit der passenden langweiligen Gewerbebebauung rechts und links. Nach zwanzig Minuten sagt der Fahrer, dass ich aussteigen muss. Das Café on the Beach liegt nur wenig entfernt von der Haltestelle direkt auf der Strandpromenade. An diesem späten Vormittag ist es sehr leer, ich bin fast der einzige Gast. Strandwetter ist heute nicht, es ist bewölkt und merklich kühler als gestern. Der Laden macht einen sehr noblen Eindruck. Ich hatte schon ein etwas höheres Preisniveau erwartet, als ich im Lonely Planet die Zeile "serves good but pricey all-day breakfasts and seafood treats" las, doch Eggs Benedict für $18 sind der Hochpreisrekord für diese Art Frühstück. Dafür bleibe ich auch lange sitzen, schreibe ein paar Seiten im Tagebuch (in dem ich hoffnungslos zurückliege) und genieße den Blick auf's Meer.
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| Cafe On the Beach. Nicht viel los hier, ist wieder Themenabend auf Arte? | |
Schließlich raffe ich mich doch auf zu gehen, denn ich will ja noch eine Wanderung machen. Den Kellner frage ich, nach dem Weg nach "Taylor's Mistake", der Bucht, die ich als Ziel des Tages auserkoren habe. "You're ony bay short" sagt er und zeigt mir den Weg entlang der Promenade. Jaja, schon richtig, erwidere ich ich -- es soll ja eine Wanderung werden. Er entlässt mich nicht ohne den Hinweis, dass das ein langer Weg über den Berg zur nächsten Bucht sei. Aus der Telefonzelle vor dem Café rufe ich noch Roswitha an, dann mache ich mich auf den Weg. Mittlerweile ist es 13:00, fast schon ein wenig zu spät für eine Wanderung, von der man nicht weiß, wie lang sie ist und was einen am Ziel erwartet.
Am Ende der Promenade steht ein großer Hügel, der Sumner von der nächsten Bucht trennt. Zwei Straßen führen den Berg in Serpentinen rauf: eine links, eine rechts. Meine Karten geben nichts darüber her, welche Straße die richtige ist, also frage ich eine Frau nach dem Weg. Sie warnt, dass der Weg nach Taylor's Mistake lang und vor allem steil sei. Auch ihr versichere ich, dass ich eine Wanderung machen will, und so empfiehlt sie mir keine der beiden Straßen, sondern einen schmalen Fußweg, den Flowers Track, der direkt an der Vorderseite des Berges hochführt. Der Flowers Track führt eng am Hang entlang, viele Grundstücke sind nur über diesen Weg zu erreichen und oft ist es gar nicht einfach, zu sehen, wo hier ein privates Grundstück liegt und wo genau ein Wanderweg verläuft.
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| Der Flower Track führt von Sumner auf den Hügel hinauf. | |||
An einer Stelle weiß ich wirklich nicht weiter, doch zum Glück kommt gerade ein Mann mittleren Alters vorbei, der ebenfalls den Weg hinaufwandert. Er sagt, ich solle einfach mit ihm kommen, er wolle auch ganz nach oben. Er ist Engländer, lebt aber seit vielen Jahren in Neuseeland und macht gerade einen kleinen Mittagsspaziergang. Er erzählt mir sehr viel über den Wanderweg. Er sei sehr schön, aber Taylor's Mistake ist ja doch ein wenig weit weg. Er fragt, ob ich etwas zu essen dabei habe, denn in der Bucht gebe es keine Geschäfte. Habe ich natürlich nicht, aber immerhin habe ich eine Flasche Wasser dabei. Ich frage mich, ob es eine richtige Entscheidung war, mir dieses Ziel vorzunehmen. Der Tag soll nicht als "Alexander's Mistake" in die Erinnerung an diese Reise eingehen. Oben am Berg zeigt mir mein Begleiter den Weg und weist mich auf die Wanderwege auf der Halbinsel Godley Head hin, die auch sehr schön seien. Davon hatte ich bereits gelesen und überlege, dass ich die Wanderung ja auch dorthin ausdehnen kann, wenn ich noch Kraft habe. Dann verabschieden wir uns. Und es soll regnen, aber erst am späten Nachmittag, sagt er noch.
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| Godley Head. Hier wurde im 2. Weltkrieg der sowjetische Angriff erwartet. Er kam nicht, dank der umfassenden Verteidigungsanlagen auf dieser Halbinsel. |
Der Weg nach Taylor's Mistake führt von hier an der Steilküste entlang. Die Klippen sind teilweise über 100 Meter hoch, was den Ort zu einem beliebten Ziel für Fallschirmspringer macht. Die Bucht selbst ist gar nicht zu sehen, sondern liegt verdeckt hinter einer Klippe. Zuerst führt der Weg über eine Wiese, dann in Serpentinen den Berg runter und wieder rauf. Außerdem geht es immer wieder um Klippen herum. Auffallend sind die sehr außergewöhnlichen Häuser, die oben auf den Klippen gebaut sind. Keine dichte Bebauung, nur vereinzelt stehen Häuser. Man sieht sofort, dass sich viele Architekten hier austoben durften.
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| Steilküste auf dem Weg nach Taylor's Mistake | ||
Taylor's Mistake erreiche ich nach eineinhalb Stunden. Der Ort liegt in einer kleinen Bucht sehr abgeschlossen. Hier gibt es nicht viel außer einigen Wohnhäusern und einer Surfstation. Die scheint aber zum Surfen gut geeignet zu sein, denn auch bei der eher ruhigen See heute sind einige Surfer im Wasser. Ich überlege, wie es nun weitergehen soll. Einfach zurückzulaufen finde ich unbefriedigend. Auf der anderen Seite startet der Godley Head Track, der um die weitaus größere Halbinsel führt. Ohne lange nachzudenken, mache ich mich auf den Weg. Falls ich keine Lust mehr habe, zurückzulaufen, kann ich ja oben auf der Straße zur Spitze der Halbinsel ein Auto anhalten.
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| Taylor's Mistake |
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| Jimmy in Manapouri konnte nicht verstehen, dass die blöden Touristen ausgerechnet Schafe fotografieren. |
Schnell teilt sich der Weg. An der Küste entlang führt der etwas längere Walkway, und steil den Berg hoch führt der Pfad für die Mountainbiker. Der führt direkt zum Summit Road auf der Bergkuppe. Um mir einen besseren Überblick über die Halbinsel zu verschaffen, klettere ich dort hoch. Der Blick von hier oben über den Lyttleton Harbour im Süden ist sehr schön, wenn auch das Sonnenlicht die ganze Gegend indifferent grün erscheinen lässt. Die Idee, von hier aus bis nach Lyttleton zu laufen, lasse ich schnell wieder fallen. Stattdessen wandere ich an der Küste entlang bis zum Parkplatz an den alten Militäranlagen, auf dem sich nur ein Auto befindet. Die Fahrer sind aber nirgendwo zu sehen, und so laufe ich weiter an der Küste entlang bis zurück nach Taylor's Mistake. Mit deutlichem Hunger erreiche ich um 17 Uhr den verschlafenen Ort wieder. Hier ist auch niemand, der mich vielleicht mitnehmen kann, also bleibt mir nicht viel übrig, als weiter in Richtung Sumner zu laufen, so wie ich auch hier hergekommen bin.
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| Lyttleton Harbour. Sieht finsterer aus als es ist. |
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| Parkplatz und Militäranlagen auf Godley Head |
Auf dem letzten Stück des Weges wird es kalt und windig. Pünktlich mit der Ankunft in Sumner setzt ein leichter Sommerregen ein. Mir fällt auf, dass ich gar nicht weiß, wo der Bus wieder in Richtung Innenstadt abfährt, doch mit ein wenig fragen finde ich die Haltestelle, obwohl sie gut getarnt ist: Man kann fast denken, sie sei nur eine Straßenlaterne mit einem Schild dran. Zum Glück kommt der Bus direkt und bringt mich zurück zur Bus Exchange.
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| Straße zurück nach Sumner | An dieser Bushaltestelle wäre ich fast vorbeigelaufen. |
Zur Feier des letzten Abends auf dem "allein unterwegs" Teil der Reise gönne ich mir ein Essen im Restaurant (obwohl das Café heute morgen schon teuer genug war für einen Tag...). Mir ist ein großes indisches Restaurant aufgefallen, an dem ich schon zweimal vorbei gegangen bin. Dort ist man auch nicht genervt, als ich um einen Tisch für eine Person bitte. Die Bedienung ist unheimlich freundlich und zuvorkommend, das Butter Chicken schmeckt hervorragend. Ein sehr angemessenes Essen für einen letzten Abend.
Das Chester Street Backpacker ist heute abend nahezu vollständig von Deutschen bevölkert. In der Küche unterhalte ich mich mit Shinsuke, bis er um 21 Uhr hektisch aufbricht, weil heute die Abschiedsfolge von Sex and the City kommt. Das lasse ich mir auch nicht entgehen. Die beiden Schwedinnen und die Engländerin, von der ich nicht ganz rausbekomme, ob sie auch im Hostel arbeitet, haben es sich schon auf den Sofas vor der Glotze bequem gemacht. Ist eine rührende Abschiedsfolge. Habe aber nicht geweint.
Im Zimmer ist nur eins der beiden anderen Betten belegt. Angelika, eine junge Frau aus Köln, teilt mit mir das Zimmer. Wir stellen fest, dass wir beide ebenfalls vor zwei Jahren schonmal in Neuseeland waren und auch auf dieser Reise teilweise in denselben Hostels gewohnt haben. Es gibt also viel zu erzählen. Bis fünf Uhr morgens.
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