Samstag, 01.10.2005

Kapstadt / Khayelitsha

Das frühe Aufstehen setzt sich fort. Allerdings nicht, weil ich heute eine Wanderung mache, sondern weil heute die Township Tour auf dem Programm steht. Mein Mitbewohner Alexander hat mir den Kontakt zu einem Unternehmen vermittelt, das solche Touren anbietet. Gestern habe ich dort angerufen und mich angemeldet. Ich solle um neun Uhr morgens bereit sein, dann werde ich abgeholt, hieß es.

Gegen kurz vor Neun setze ich mich mit meinem Buch auf den Treppenabsatz vor der Haustür. Zehn Minuten später taucht ein großer, weißer Mann Anfang fünfzig auf und ruft zu mir herauf, ob ich Alexander sei. Hymie begrüßt mich und stellt sich vor. Sein Auto, ein dunkelgrüner VW Bus, steht hundert Meter die Tamboerskloofroad hinunter, ist ein wenig trickreich hier mit den Einbahnstraßen.

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Hymie: Mein Führer durch die Township und Verschwörungstheoretiker

Als ich einsteigen will, bittet Hymie mich, erstmal hinten Platz zu nehmen, da der Vorderreifen auf der Beifahrerseite verdächtig wenig Luft hat und er das erstmal überprüfen will. So beginnt die Tour mit einem kurzen Stopp an der Tankstelle. Mit dem Reifen ist aber alles in Ordnung, es musste nur Luft nachgefüllt werden. Ab jetzt sitze ich auf dem Beifahrersitz. Weitere Fahrgäste werden nicht aufgesammelt. Ich sei der einzige Gast heute, und normalerweise mache sein Chef Peter keine Touren für Einzelgäste und gebe solche Gäste an andere Unternehmen ab. Doch da ich über eine Empfehlung von Alexander, dessen Arbeitgeber häufig Touren vermittelt, aufmerksam geworden sei, gebe es heute eine Ausnahme und ich habe das Glück, eine Einzeltour zu bekommen.

Er erklärt mir den Verlauf der Tour: Zuerst fahren wir zum District Six Museum. Dort werden Geschichte und Abriss des multikulturellen Stadtviertels in den sechziger und siebziger Jahren dokumentiert. Danach fahren wir in eine der großen Townships in den Cape Plains, nach Khayelitsha. Dort gebe es einige Dinge zu besichtigen. Zuerst einen Handwerksmarkt, dann machen wir ein Stop bei einem kleinen Bed and Breakfast, das von einer Frau namens Vicky geleitet wird und allgemein als ein leuchtendes Beispiel für gelungenes Unternehmertum in einer ansonsten wirtschaftlich katastrophalen Umgebung gilt. In unmittelbarer Nähe gibt es noch noch eine Schneiderei, die ebenfalls besucht wird. Er bereitet mich außerdem darauf vor, dass bei Vicky heute ein großes Fest stattfinde, da ihre Nichte Tandokazi heute ihren einundzwanzigsten Geburtstag feiere. Ich rege an, dass wir unter diesen Umständen vielleicht auf dem Weg ein paar Blumen kaufen könnten. Hymie ist offenbar angenehm überrascht von diesem Vorschlag und reagiert sehr enthusiastisch.

Auf dem Weg zum District Six Museum erzählt Hymie über die ereignisreiche Geschichte der Kapregion, von den ersten europäischen Siedlern bis ins neunzehnte Jahrhundert hinein. Schon jetzt entsteht eine lebhafte Diskussion. Ich frage viel nach, lasse mir einige Details erklären. Hymie, der sich auch ganz gerne reden hört, ist gerne bereit, mich an seinem umfangreichen Wissen teilhaben zu lassen.

Vor dem District Six Museum bleiben wir noch eine Viertelstunde im Auto sitzen, in der Hymie mir erklärt, was damals mit diesem Stadtteil passiert ist. Die Apartheidsregierung habe einen sozial integren und vielseitigen Stadtteil nahe der Innenstadt als Slum deklariert und den Abriss beschlossen. Dies war ein einfacher Vorwand, die Coloureds, die hier hauptsächlich wohnten, aus der City Bowl zu vertreiben und das Gebiet als ein der Apartheid Doktrin entsprechendes weißes Wohngebiet wiederaufzubauen. Die Menschen, die damals vertrieben wurden, sind in den großen Townships angesiedelt worden, die vor der Stadt entstanden sind. Dabei sind ganz bewusst soziale und familiäre Netzwerke zerstört worden.

Von diesen Erklärungen aus erzählt Hymie über das Verhältnis der Rassen und Nationalitäten untereinander, besonders über das vielseitige Verhältnis zwischen Coloureds, schwarzen Südafrikanern und Migranten aus dem restlichen Afrika. Für mich unerwartet war, dass viele der Schwarzen, die in der Stadt zu sehen sind und die dort als Parkwächter oder auf Handwerksmärkten arbeiten, gar keine Südafrikaner sind, sondern aus anderen Teilen des Kontinents kommen. Schwarze Südafrikaner verbleiben eher in ihren Townships. Irgendwann brechen wir unsere Diskussion ab, da es ja auch noch das Museum zu besichtigen gilt. Dafür bleiben jetzt nur noch gute zwanzig Minuten Zeit -- viel zu wenig.

Das Museum ist in einer alten Kirche untergebracht. Im wesentlich besteht es aus einem großen Raum im Erdgeschoß und einer Galerie im ersten Stock. Es ist ein Museum nach meinem Geschmack. Neben rein geschichtlichen sind auch viele soziale Aspekte des Lebens im Stadtteil dokumentiert. Kleine Läden sind wieder aufgebaut, Einzelschicksale von Familien werden genauer beleuchtet und der Abriss ausführlich dokumentiert. Auf dem Boden im Erdgeschoss ist ein großer Stadtplan aufgebracht, der einen Überblick über den Stadtteil vermittelt.

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Das District Six Museum

Die Zerstörung des District Six war sehr umfassend. Es ging soweit, dass man nicht nur die Häuser abgerissen, sondern auch die Straßen ausradiert hat. Nichts sollte mehr an die gewachsene Struktur erinnern. Doch ein umsichtiger Mensch hat die alten Straßenschilder vor der Zerstörung bewahrt. Als Erinnerung sind sie nun an einem hohen Drahtgestell in der Mitte des Raums angebracht.

Das Museum ist voller Material und statt zwanzig Minuten hätte ich hier auch gut drei Stunden verbringen können. Doch leider reicht die Zeit nicht.

Hymie und ich fahren durch das Gebiet des ehemaligen Stadtteils. Bis heute hat keine umfassende Neuentwicklung stattgefunden. Anfang der achtziger Jahre hat die Regierung buchstäblich auf der grünen Wiese eine technische Hochschule eingerichtet, aber ansonsten gab es keine Ansiedlung. Dieses Gebiet war wohl auch den Buren zu heiß und zu belastet. Ich frage Hymie, welche Art Studenten sich denn dann darauf eingelassen hätten, dort zu studieren. Studenten sind ja eher politisch bewegt und so dürften es wohl kaum die regimekritischen Studenten gewesen sein, die sich für ein Studium an diesem symbolträchtigen Ort entschieden haben. Das sei richtig, im ersten Jahr habe es gerade mal eine handvoll Studenten gegeben. Erst heute, durch eine Kooperation mit der University of Cape Town, habe sich das diese Hochschule etablieren können.

Wir verlassen diesen geschichtsträchtigen Ort und durchfahren den Stadtteil Woodstock. Hier nutzt Hymie die Gelegenheit, mich auf die vielen Palmen hinzuweisen, die die Straßen säumen. Das scheint ein Lieblingsthema von ihm zu sein. Palmen sind keineswegs endemische Pflanzen in dieser Region, sondern werden massenhaft als Zierpflanzen für den öffentlichen Raum importiert, da man -- so seine Theorie -- glaube, dass dies Touristen anziehe. Die kommen nach Afrika und wollen halt Palmen sehen. Der Import dieser Bäume koste den Steuerzahler ein Vermögen und er glaubt, dass hohe Regierungsbeamte daran mitverdienen würden. Es klingt schon ein wenig nach Räuberpistole, was er erzählt und er macht keinen Hehl daraus, dass er in Bezug auf Korruption in Südafrika jegliche Illusion verloren und einen gewissen Zynismus entwickelt hat. Ich würde eher sagen, dass er sehr empfänglich für Verschwörungstheorien ist, aber das ist vielleicht nicht weit voneinander entfernt.

An einem Supermarkt in Woodstock halten wir an. Es gebe wohl keine Blumengeschäfte auf dem Weg bis zur Autobahn, ob ich damit einverstanden sei, dass wir dem Geburtstagskind ein wenig Schokolade kaufen? Ist mir auch recht, es geht ja vor allem um die Geste, dass ich als Außenstehender nicht einfach in die Geburtstagsfeier reinplatzen möchte, zumal mit leeren Händen. Doch Hymie beruhigt mich: am Vormittag sei ein Teil der Feier speziell für Tour Guides, die regelmäßig zu Vicky kommen. Der private Teil der Feier sei erst am Abend.

Dies führt zu einer Diskussion über den Status solcher Touren. Es herrscht schon eine gewisse Ambivalenz zwischen dem Zoo-Aspekt und der wirtschaftlichen Bedeutung solcher Touren für die Bewohner der Townships. Unumstritten ist allerdings, dass der Township Tourismus der am schnellsten wachsende Zweig der südafrikanischen Tourismusindustrie ist. Zurzeit befinde man sich in einem Stadium, dass auch große Reiseanbieter dieses Gebiet für sich entdecken. Der Markt, der bisher ausschließlich von kleinen Unternehmen dominiert wird, wird aufgesogen von großen Anbietern, die auf Skaleneffekte setzen und beispielsweise nicht mehr mit acht Gästen pro Tour, sondern gerne auch mit vierzig Touristen pro Bus eine Township besichtigen wollen. Es wird sich zeigen, wie sich das Verhältnis der Bewohner der Townhsips zu diesem relativen Massentourismus entwickeln wird.

Mit ein paar Tafeln Schokolade mehr an Bord fahren wir auf die Autobahn N2 in Richtung Flughafen. Diese Strecke bin ich an den vergangenen Tagen mehrfach gefahren, und so ist es sehr interessant, ein wenig mehr über die auffälligen Gebäude und Siedlungen entlang der Straße zu erfahren. Wir halten häufig auf dem Seitenstreifen an, um mich auf die Unterschiede der verschiedenen Townships hinzuweisen.

Die Townships sind streng nach Rassen getrennt. Es gibt Townships für Coloureds und für Schwarze. Khayelitsha, das Ziel unserer Tour, ist eine Township, die für Migranten aus dem Eastern Cape gebaut worden ist. Dort sei es für Touristen mit einem Begleiter relativ ungefährlich. Hymie hat viele Freunde dort. Die Coloured Townships, die wir passieren, meidet er jedoch: "I wouldn't put my toe in there. That's gang land". Die Gewalt dort sei unberechenbar und wir als Weiße hätten kaum eine Chance, dort herauszukommen, ohne überfallen zu werden.

Wir sprechen über das Verhältnis der unterprivilegierten Gruppen untereinander. Dem naiven Betrachter von außen drängt sich der Gedanke auf, dass hier ja Friede, Freude, Eierkuchen herrschen müsse. Wer von einem rassistischen Regime unterdrückt worden ist, müsse ja an einem Strang gemeinsam für bessere Lebensverhältnisse kämpfen. Doch das ist keineswegs so. Es gibt nicht nur sehr deutliche Vorbehalte der Coloureds gegenüber den Schwarzen, sondern auch eine fein differenzierte Klassenstruktur innerhalb dieser ethnischen Gruppen. Wie in anderen Gesellschaften auch, orientieren sich die aufstrebenden Klassen eher am Lebensstil der höheren Schichten und nehmen dabei nicht so sehr Rücksicht auf die Ethnie. So hat Hymie beispielsweise bei jungen Schwarzen aus der Mittelklasse beobachtet, dass diese sich sprachlich eher an dem orientieren, was sie in Fernsehserien aufnehmen, als was in ihrem eigenen sozialen Umfeld gesprochen wird. Oder dass Coloureds eher dazu tendieren, die Partei der Buren zu wählen als den ANC, weil sie sich von den "Darkies" absetzen wollen. Insgesamt wächst in mir der Eindruck, dass die südafrikanische Gesellschaft sehr zerrissen ist und dass das Schema "alle gegen die Weißen", was ich noch aus der Apartheids- und der Übergangszeit im Kopf habe, nicht gilt.

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Sehr spannend wird es auch, als wir auf die wirtschaftlichen Probleme der Schwarzen in den Townships zu sprechen kommen. Es herrscht kaum Unternehmergeist, das Prinzip einer Subsistenzwirtschaft ist noch nicht angekommen. So kann es passieren, dass die Angestellten einer Teppichmanufaktur ein paar Tage zur Arbeit erscheinen, bezahlt werden und erst dann wieder in die Fabrik kommen, wenn das Geld zu Ende ist. Dass dieses Verhalten aber zu keiner wirtschaftlichen Eigenständigkeit führt, scheint den Betroffenen nicht verständlich zu sein.

Hymie führt an, dass der Staat an diesem Problem nicht unschuldig ist. Er versetzt die Bewohner der Townships in ein schweres Dilemma: Einerseits reklamieren die Behörden, dass sie die Bewohner der Townships beispielsweise mit Infrastruktur versorgen (Elektrizität, Wasser, Müllabfuhr), andererseits passiert dies nicht. Diese "lack of delivery of services" sei das grundlegende Problem. Unternehmerische Initiative, wenn sie denn entsteht, werde von einer starken Bürokratie im Keim erstickt. Dies liege, so Hymie, nicht daran, dass kein Geld in der öffentlichen Hand vorhanden sei. Es sei vielmehr so, dass einerseits die Führungselite praktisch aus der politischen Gefangenschaft heraus das Land übernommen habe und keine Erfahrung besitze, wie man eine effiziente Verwaltung organisiert. Dass die ANC-Größen ihre politische Ausbildung in sozialistischen Ländern genossen haben, sei dem nicht zuträglich. Weiterhin, und nun kommen die Verschwörungstheorien wieder hoch, haben die Eliten des Landes auch kein Interesse daran, die Leute in wirtschaftliche Unabhängigkeit zu entlassen, da dies den Einfluss ihres Apparats mindern würde.

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Vor lauter Diskussionen wird es manchmal schwierig, dem Verlauf der eigentlichen Tour zu folgen. Ab und zu weist mich Hymie auf ein Besonderheiten in der Gegend hin: Ein Community Centre, das seit einem Jahr fertig gestellt, aber nicht eröffnet sei, da man sich über Ausrichtung und Zielsetzung des Zentrums nicht einig sei; ein Wachturm aus der Apartheid-Zeit, von dem aus die Polizisten die umliegende Gegend beobachtet haben. Ist es in Sichtweite dieses Turms zu einer der zahlreichen Verbrennungen von Passierscheinen gekommen, hat man starke Scheinwerfer gehabt, um das Vorgehen genauer beobachten und besser zielen zu können.

Wir erreichen einen Handwerksmarkt, der in einer Halle untergebracht ist. Etwas unmotiviert sitzen die Frauen, die hier Kleinkram an Touristen verkaufen, herum und unterhalten sich. Kunden sind nicht in Sicht. Ich drehe kurz eine Runde, finde aber zwischen Stoffen, Drahtfiguren, Deckchen und sonstigem Kleinkram nichts, was ich ansprechend finde. Hinterher erklärt Hymie, dass er seit Jahren versucht, diese Frauen davon zu überzeugen, dass sie auf den Märkten in der Innenstadt ihre Waren viel besser verkaufen könnten als hier. Doch bislang hat er keinen Erfolg damit gehabt. Ich nehme den Eindruck mit, dass diese Frauen es eher als ihre Aufgabe sehen, hier herumzusitzen und zu lamentieren, dass keine Kunden kommen, als die Initiative zu entwickeln und dahin zu gehen, wo die potenziellen Kunden auch sind. Doch Orte wie der Greenmarket Square in der Innenstadt werden nicht von Südafrikanern sondern von Migranten aus anderen Teilen Afrikas dominiert, die geschäftstüchtiger sind als die Bewohner der Townships.

Ich führe an, dass es aber doch einen gewissen Unternehmergeist geben muss, da es ja in den Townships auch beispielsweise Händler und Taxiunternehmen gebe. Der Staat müsse ja ein Interesse daran haben, solche Unternehmungen zu fördern, da er sonst auf Steuereinnahmen verzichtet. So erfahre ich den Unterschied zwischen der formellen und der informellen Wirtschaft im Land. Die "informal economy" ist nicht illegal, führt aber beispielsweise keine Steuern ab. Den Bewohnern der Townships ist das recht, denn so verdienen sie etwas mehr und sind keinen Regeln unterworfen. Dass es eine Rückkopplung zwischen gezahlten Steuern und der Zuverlässigkeit der staatlichen Dienstleistungen gibt, sei den Leuten nur schwer verständlich zu machen.

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In dem Maße, wie der Staat nicht kompetent ist, eigene Dienstleistungen zu erbringen, haben sich in bestimmten Sektoren blühende Wirtschaftszweige entwickelt. Ein hervorstechendes Beispiel ist die Sicherheitsindustrie. An praktisch jedem Haus in Kapstadt (und auch in den etwas besseren Gebieten der Townships) prangt die Plakette eines der Sicherheitsunternehmen: Cape Security, Armed Response Team, City Bowl Security sind nur einige Namen. Ich frage Hymie, wie es denn sein kann, dass der Staat diese ureigene Aufgabe, für die Sicherheit der Bürger zu sorgen, so sehr vernachlässigt. Dass diese Selbstaufgabe ja in krassem Missverhältnis steht zu einem Staat, der für sich reklamiert, den Bürgern so umfassende Dienstleistungen zu liefern, dass sich unternehmerische Initiative kaum entwickelt. Er verdreht die Augen und sagt, dass er ein paar Antworten darauf habe, es aber viel zu lange dauern würde, dies zu erzählen. Außerdem würde ich ihn danach als kompletten Spinner und Verschwörungstheoretiker abstempeln... Doch dann erzählt er trotzdem von einigen Beispielen, wie er persönlich die Unfähigkeit der Polizei bei der Verbrechensbekämpfung erlebt hat.

Als wir die Straße zu Vickys Pension erreichen, ist auf der Straße der Teufel los. Es dauert ein wenig, bis Hymie den Kleinbus durch die Menschenmengen auf der Straße manövriert hat und wir den Wagen abstellen. Bis zu Vicky sind es nur noch wenige Meter. Die Menschenmenge ist aber nicht wegen der anstehenden Geburtstagsfeier dort, sondern weil eine Werbeaktion für eine Brotsorte läuft. Diese Art von Straßenwerbung sei nicht unüblich, da viele Leute hier mangels Zeitungen, Radio und Fernsehen von den üblichen Werbekanälen abgeschnitten seien.

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Vicky Ntozini bereitet den Geburtstag ihrer Nichte vor.

Vicky empfängt uns in ihrem Wohnzimmer. Ein kleiner, stickiger Raum, dessen Wände über und über mit Zeitungsausschnitten über die Pension bedeckt sind. Auch viele deutsche Artikel sind darunter. Dieses Business scheint wirklich eine herausragende Position in Khayelitsha zu haben. Vicky steckt mitten in den Vorbereitungen für das Fest. Große Plastikschüsseln mit gekochtem Reis stehen auf dem Tisch und warten darauf, weiter verarbeitet zu werden. Sie bedankt sich im Namen ihrer Nichte für die Geschenke und notiert, von wem die Schokolade und Hymies Geschenkgutschein kommen. Das Geburtstagskind selbst ist gerade außer Haus. Auch in der Hektik hat sie Zeit, sich kurz zu mir auf's Sofa zu setzen und etwas über ihr Bed and Breakfast zu erzählen. Im Gegensatz zu dem lebhaften Kommandieren der Familienmitglieder, das ich vorher erlebt habe, wirkt dieser Vortrag ziemlich abgespult und unpersönlich. Und so viele Fragen ich an Hymie habe, so wenig fallen mir jetzt ein, als ich die Gelegenheit habe, Vicky danach zu fragen.

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Wir bleiben auch nicht lange, worüber ich nicht unglücklich bin. Hymie führt mich ein paar Häuser weiter zu der Schneiderei, über die er gesprochen hat. Auch hier hat sich eine Frau aus dem nichts ein kleines und florierendes Unternehmen aufgebaut. Anders als Vickys Pension ist dieses Haus hier eine der allgegenwärtigen Wellblechhütten, wo der heute sehr kalte Wind durch alle Ritzen weht. Ich erfahre etwas über das Geschäftsfeld und dass sie viele Spenden von Touristen bekommt. Viele, die hier waren, schicken im Nachgang Stoff oder mal eine Nähmaschine. In dem Raum steht fast ein Dutzend Nähmaschinen herum, also scheint daran kein Mangel zu bestehen.

Mittlerweile sind wir seit vier Stunden unterwegs, das Wetter wird ungemütlich und Hymie beginnt, ein wenig auf die Uhr zu schauen. Von hier aus fahren wir wieder nach Kapstadt zurück. Während der Fahrt über die Autobahn sprechen wir noch über die HIV/AIDS Problematik und ich erzähle von Chrissi und ihrer Arbeit in Botswana. Außerdem befrage ich ihn auch noch nach meinen Beobachtungen zur Stellung von Afrikaans im modernen Südafrika und er bestätigt meine Vermutungen, allerdings noch etwas pointierter als Sean und Dalene es vor einer Woche getan haben.

Um 14:00 Uhr setzt Hymie mich wieder an der Tamboerskloofroad ab. Wir waren eine Stunde länger unterwegs als die Tour üblicherweise dauert. Ich mache noch ein Foto von ihm und er möchte unbedingt auch ein Bild von mir haben, damit er sich ebenfalls besser an diese Tour erinnern kann. Er versichert mir, dass er viel Spaß hatte, mich durch die Gegend zu führen und dass er die Diskussionen sehr genossen hat. Mir hat es auch prima gefallen. Mehr noch: Ich habe richtig das Gefühl gehabt, wirklich mal unter der Oberfläche der südafrikanischen Gesellschaft zu schürfen. Auch wenn ich nicht alles, was Hymie erzählt hat, für bare Münze nehmen kann, hat mir dieser Tag doch gezeigt, was für eine facettenreiche Gesellschaft Südafrika hat und dass das (buchstäbliche) schwarz-weiß Denken, mit dem ich hierher gekommen bin, nicht im Ansatz die Komplexität der Wirklichkeit dieses Landes erfasst.

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Zufriedener Tourist nach überlanger Township Tour.

Ich scheine zu erzählen wie ein Wasserfall, als ich in die Küche komme und dort die Mitbewohner sehe, die noch in Schlafklamotten herumhängen. Scheint eine lange Nacht gewesen zu sein. Ich halte mich nicht lange auf und laufe zum Checker's Supermarkt in die Kloof Street, weil noch einige Dinge für die Lasagne am Abend zu kaufen sind.

Am späten Nachmittag beginne ich mit der Vorbereitung. Wir wollen um 19 Uhr anfangen zu essen und es wird ein wenig knapp mit der Zeit, aber ich spanne Alexander und Matthias ein, dass sie mir helfen. Es lohnt sich. Die Lasagne schmeckt sehr gut, die anderen sind begeistert. Es ist auch das erste Mal, dass sich diese WG zum gemeinsam gekochten Abendessen zusammenfindet. Wir haben auch kein Problem, die riesige Auflaufform komplett zu leeren, auch die Frauen langen reichlich zu. Zum Nachtisch gibt es frisch gemachten Apfelkompott mit Vanilleeis und Karamelsirup.

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Abschiedsessen an meinem letzten Abend.

Alexander bringt das Gespräch darauf, wie es mir denn in der WG gefallen hat. So lasse die letzten zwei Wochen nochmal Revue passieren und erzähle sehr offen, was mir gefallen hat, was nicht und wie ich mich in der WG aufgenommen gefühlt habe. Ich habe das Gefühl, dass es allen ganz gut tut, so ein wenig Feedback zu bekommen. Ein sehr gelungener Abend. Ich gehe zufrieden ins Bett, die anderen gehen in die Clubs.


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