Samstag, 13.11.2004

Manapouri bis Invercargill

Heute heißt es Abschied zu nehmen vom Freestone Backpacker. Schade, ich fahre nur ungern hier weg, besonders, da das Ziel des heutigen Tages nicht so richtig klar gezeichnet ist. Aus den Erzählungen von El und anderer Reisender habe ich mitgenommen, dass die Catlins, ein Gebirge an der Südküste zwischen Invercargill und Dunedin, sehr reizvoll sein sollen. Also plane ich grob, Dunedin als Ziel der nächsten zwei Tage zu erreichen. Mal sehen, wie weit ich komme.

Um halb zehn fahre ich in Manapouri los. Wieder etwas später als geplant und ohne Frühstück, aber das werde ich gegen Mittag in Invercargill nachholen. Der Weg für den Tag ist die Southern Scenic Route. Dieser Weg führt über verschiedene Highways von Te Anau über Manapouri und Invercargill bis nach Dunedin. Die Landschaft ist aufregend und ändert sich von Kilometer zu Kilometer. Ich merke, dass ich mich wieder vom Hochgebirge wegbewege. Nach einer guten Stunde Fahrt nach Süden trifft die Straße auf die Pazifikküste und knickt nach Osten ab. Hier gibt es einen kleinen Aussichtspunkt, an dem ich eine kurze Pause mache.

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Southern Scenic Route
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McCracken's Rest

Invercargill, Bluff

Gegen 12 Uhr erreiche ich Invercargill, das urbane Zentrum des Southland. Nach den drei Tagen in Manapouri wirkt die Stadt gigantisch groß, obwohl dort nur 50.000 Einwohner leben. Besonders auffällig sind die irre breiten Straßen. Selbst recht kleine Nebenstraßen bieten bequem vier Autos nebeneinander Platz (und parken kann man dort auch noch). Dee Street, die große Hauptstraße, ist zwar nur vierspurig, aber so breit, dass sofort zu erkennen ist, dass sie mal sechsspurig war und nur verkehrsberuhigt wurde. Von Beruhigung kann hier allerdings keine Rede sein. Diese Stadt muss wirklich der Autofahrerhimmel sein.

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Invercargill, Dee Street Kunst im öffentlichen Raum

Ich folge den Schildern in Richtung City Centre, die zum zentralen Park führen. Dies mag zwar das geografische Zentrum der Stadt sein, doch Geschäfte oder ähnliches sind hier nicht zu sehen. Ich halte den Wagen an und konsultiere den Lonely Planet, welches Café mir wohl noch ein spätes Frühstück servieren würde. Das Zookeeper Café klingt vielversprechend. Der erste Impuls ist, das Auto stehen zu lassen und dorthin zu laufen. Das wäre keine gute Idee gewesen, denn bis zur Tay Street ist es ein guter Kilometer. Also fahre ich die paar Blocks und stelle den Wagen ab. Mittlerweile bin ich sehr hungrig. Die paar getrockneten Aprikosen während der Fahrt waren nicht so reichhaltig.

Das Café ist knallbunt und lebendig. Hier gehen viele Familien mit kleinen Kindern während des Samstagsshoppings zu Mittag essen, Für mich gibt es heute das Standard Kiwi Breakfast aus Ei, Speck, Tomate, Champignon, Hash Brown (eine Art Rösti) und Toast. Hier wird es "Zookeeper Brekkie" genannt. Daran esse ich recht lange, bleibe noch länger sitzen und schreibe Tagebucheinträge. Nach fast zwei Stunden ist der Stift leer. Die (wie die allermeisten Menschen) höchst freundliche Kellnerin erklärt mir den Weg zum nächsten Whitcoulls, wo ich einen neuen Tintenroller erstehe. Außerdem kaufe ich in einem kleinen Elektronikladen eine $20 Aufladekarte für mein Telefon. Mit Robert, dem Inhaber des Ladens, unterhalte ich mich ein wenig über das Reisen in Neuseeland, bevor ich wieder zum Auto gehe. Zum Glück ist kein Strafzettel dran, obwohl ich die Höchstparkdauer deutlich überschritten habe.

Von Invercargill fahre ich weiter nach Bluff, dem Ort und Hafen, der auf einer Halbinsel direkt südlich von Invercargill liegt. Dort endet der SH1 und es wirkt, als ob es der südlichste Punkt des Mainlands ist: Mit Aussichtspunkt, Entfernungspfeilen usw. Wohl nur widerwillig würden Leute von hier zugeben, dass der südlichste Punkt ein paar Kilometer weiter östlich in den Catlins liegt. Der Aussichtspunkt ist nicbt besonders beeindruckend, aber die Plattform auf dem 265m hohen Hügel auf der Mitte der Halbinsel sieht vielversprechend aus. Erleichtert stelle ich fest, dass man auch mit dem Auto dort hochfahren kann. Es ist ziemlich heiß an diesem Nachmittag und auf eine solche Wanderung in der Hitze habe ich gar keine Lust.

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Bluff. The Highway ends here.

Nach ein paar Minuten Autofahrt erreiche ich den Parkplatz vor der Aussichtsplattform. Die Plattform selbst ist eine Spirale aus feinstem Beton. Während man die Windungen hinaufgeht, kann man die Informationstafeln lesen -- wenn sie nicht zum Teil zerstört wären, das erste Zeichen von Vandalismus, das ich in Neuseeland sehe. Der Ausblick ist toll. Eine frisch geformte Wolke zieht vom Meer zum Festland. Sie hängt so niedrig, dass sie unterhalb der Aussichtsplattform daherschwebt. Lange bleibe ich jedoch nicht hier oben, es ist sehr windig.

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Das Festland, von Bluff aus gesehen. Eine Wolke bildet sich unterhalb der Aussichtsplattform. Misty Mountains?

Zurück auf dem Parkplatz schnappe ich mir meine Reiseführer und versuche, den Rest des Tages zu planen. So richtig weit komme ich allerdings damit nicht. Für eine Weiterfahrt nach Dunedin ist es viel zu spät und ein ansprechendes Tagesziel in den Catlins springt mir nicht ins Auge. Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, in Invercargill zu übernachten. Richtig glücklich bin ich mit der Entscheidung nicht, was aber sicher auch daran liegt, dass ich keine Ahnung habe, wie es in den nächsten Tagen weiter gehen soll. Insgesamt ein wenig zufrieden stellender Tag. Im BBH Guide versuche ich, ein gutes Hostel für die Nacht zu finden, doch auch dabei fällt auf, wie wenig ansprechende Unterkünfte es in einer Stadt dieser Größe gibt. Ein paar Meter hinter mir sitzen zwei junge Frauen -- offensichtlich auch Backpacker -- in ihrem Auto und scheinen das gleiche Problem zu haben, denn auch sie blättern im Lonely Planet und im BBH Guide. Ich frage die beiden, ob sie ein gutes Hostel wüssten, aber sie kennen auch keins und sind ohnehin etwas kurz angebunden.

Ich fahre die 20km nach Invercargill zurück und telefoniere dort herum. Das erste Hostel, bei dem ich anrufe, ist noch nicht eröffnet. Im Southern Comfort schließlich finde ich sogar noch ein Einzelzimmer für $40. Wie alles in Invercargill liegt das Hostel nicht weit von der Dee Street entfernt. Nach einer kurzen Fahrt erreiche ich es in einer ruhigen Seitenstraße. Helen zeigt mir Zimmer und Facilities. Die beiden Frauen vom Parkplatz sind auch gerade angekommen und schauen etwas verkniffen. Habe ich ihnen etwas getan?

Das Zimmer ist winzig und mit einem Etagenbett eigentlich als Twin Room eingerichtet. Das Bad ist direkt nebenan. Insgesamt macht das Southern Comfort aber einen gemütlichen Eindruck. Es gibt eine große Küche und einen ganz hübschen Lounge Room mit hohen Stuckdecken, einem großen Esstisch und einer Sitzecke. Dennoch denke ich etwas wehmütig an die Atmosphäre im Freestone Backpacker zurück.

Nun ist es an der Zeit, einen Plan für den Rest der Reise zu schmieden, damit die restlichen Tage nicht so ziellos verstreichen wie dieser. Gerne möchte ich den Mt. Cook sehen. Das ist zwar eine weite Fahrt vom Süden aus, aber ich habe noch Els Kommentar vom Vorabend im Ohr, dass es dort ausgezeichnet schön sein soll. Auch der Lonely Planet beschreibt die Gegend enthusiastisch. Vorher möchte ich einen Tag durch die Catlins fahren und einen Tag in Dunedin verbringen. Dort gibt es auf der Otago Peninsula eine Albatrosskolonie. Für die beiden Tage am Mt. Cook plane ich besser Selbstversorgung ein. Nach der Erfahrung von Milford Sound glaube ich nicht, dass es dort außerordentlich viele Cafés oder Restaurants gibt. Gleich morgen werde ich versuchen, ein Bett im Hostel am Mt. Cook zu bekommen. Mit diesem Plan fühle ich mich etwas weniger verloren und mache mich auf den Weg in die Stadt.

Auf dem Weg nach Downtown fängt es an zu regnen, aber die Bürgersteige entlang der Dee Street sind durchgehend überdacht. An diesem Samstag abend gibt die Stadt ein trauriges Bild ab. Alles ist zu und die paar geöffneten Restaurants kann man an einer Hand abzählen. Was am Mittag noch eine belebte Stadt war, ist an diesem frühen Abend ziemlich tot. Schließlich finde ich ein thailändisches Restaurant, eher ein Takeaway, aber man kann auch dort essen, Die beiden Frauen, die hier bedienen, sind supernett und sehen hinreißend aus; das scheint in Invercargill die Regel zu sein -- zumindest bei den Bedienungen, mit denen ich bisher zu tun hatte. Das Wok-Gericht mit Hühnchenfleisch, Gemüse und thailändischer Erdnusssoße wird sehr schnell angerichtet und serviert. Ist eine Riesenportion, die ich gerade mal zur Hälfte schaffe. Gesättigt laufe ich zurück ins Southern Comfort. Auf dem Weg dorthin werde ich Zeuge eines seltsamen Schauspiels: Die Hauptbeschäftigung der örtlichen Jugend besteht offenbar darin, mit aufgemotzten 60er/70er Jahre Schlitten die Hauptstraße rauf und runter zu cruisen. Dies geschieht mit viel Gejohle, lauten Motoren und -- selbstredend -- Reifenquietschen. An den Ampeln werden Rennen gefahren. Ein Wagen ist sogar so modifiziert, dass beim Gasgeben Flammen aus beiden Auspuffrohren schlagen. Muss das eine öde Stadt sein, in der man so seine Samstage verbringt. Aber gut: Die Jungs haben ihren Spaß und die Mädels stehen drauf.

Im Hostel sitze ich noch lange in der Lounge und schreibe noch ein paar Seiten im Tagebuch. Später setzen sich zwei Deutsche an den Tisch und wir kommen ins Gespräch. Markus und Daniela erzählen von Sehenswürdigkeiten in den Catlins und ich berichte vom Fjordland. Ist eine nette Unterhaltung. Die beiden bieten mir noch etwas von ihrem Wein an. Nach zwei Gläsern gehe ich angenehm müde ins Bett.


Copyright (c) 2004/2005 Alexander (reiseberichte@barmblognord.com).
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