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Heute weckt mich der Wecker. Entweder der Wein hat dazu beigetragen, dass ich länger als bis halb acht geschlafen habe, oder die Gewöhnung an die Zeitumstellung ist nun endgültig abgeschlossen. Um ein wenig schneller voran zu kommen, entscheide ich mich für ein Frühstück aus Keksen und Müsliriegeln im Auto statt im Café. Bei einer geöffneten Dairy kaufe ich noch ein belegtes Brot und dann geht es los. Ich folge der Southern Scenic Route in Richtung Osten aus der Stadt heraus. Dabei stelle ich fest, dass das Autoradio gar nicht kaputt ist, sondern es in den Gegenden, in denen ich bisher war, einfach nur keine UKW-Sender gab. Um diese Zeit läuft gerade eine Rechtsberatung im Talk-Radio. Manchmal sind sogar solche Sachen interessant. Auffällig ist auch hier der lockere, plauderhafte Ton, in dem Zuhörer und Moderator miteinander sprechen. Doch schon wenige Kilometer außerhalb von Invercargill ist das Vergnügen vorbei: Der Empfang wird so schlecht, dass das Radio nur noch Krächzen von sich gibt. Ist der Radioempfang wirklich so dünn oder ist das Radio nicht an die Antenne angeschlossen?
Nach einer halben Stunde erreiche ich die Stelle, an der sich die Southern Scenic Route teilt. Man kann entweder auf einer schnellen, gut ausgebauten Straße im Land weiterfahren oder die Sehenswürdigkeiten entlang der Küste anschauen, dafür muss man allerdings auch einige Kilometer Schotterstrecke in Kauf nehmen. Eine alte Tankstelle wird gerade zum Information Centre umgebaut. Während ich dort einen Blick auf eine völlig zerfetzte Karte werfe, spricht mich ein Mann an und bietet mir eine tear-off map an, die er -- wie der Name schon sagt -- von einem dicken Block abreißt. So ausgestattet mache ich mich auf den Weg über die Küstenroute. Nach wenigen Kilometern wird das erste Teilstück Schotterpiste angekündigt. Die Straße bleibt aber angenehm breit und da praktisch kein Verkehr ist, fährt es sich gar nicht so schlimm.
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| Die Straße ist nicht so schlimm wie es scheint. |
Der erste Zwischenstopp für heute ist der Petrified Forest in der Curio Bay. Das ist ein versteinerter Wald, 180 Millionen Jahre alt. Außerdem ist er nur bei Ebbe begehbar. Natürlich stehen hier keine Bäume mehr, aber die Baumstümpfe sind ganz klar zu erkennen. Außerdem liegen eine ganze Menge versteinerter Baumstämme herum.
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| Curio Bay | 180.000.000 Jahre alter Baumstumpf, gut konserviert. | Baumstämme in Stein | |
Ein Reisebus spuckt eine Ladung Touristen aus. Den Fahrer erkenne ich wieder: er gehörte zu den Leuten, die vorgestern in der Galley in Te Anau nach mir kamen und nichts mehr zu essen bekommen haben, weil die Küche zu war.
Nach kurzer Zeit breche ich wieder auf, da auch die nächste Attraktion nur bei Ebbe zu sehen ist: die Cathedral Caves. Auf dem Weg dorthin geht es nochmal über Schotter. Doch die Bauarbeiten für die Asphaltierung der Straße sind in vollem Gange, teilweise wird sogar heute, am Sonntag, gearbeitet. Kurz vor den Cathedral Caves geht es links rein zu den McLean Falls, doch die hebe ich mir für später auf. Die Flut setzt ein und ich möchte noch gerne die Cathedral Caves sehen. An der Einfahrt zu der Privatstraße, die zum Parkplatz führt, hängt ein Schild mit den Gezeiten: Ebbe um 10:30, die Caves schließen um 12:30. Es ist kurz nach zwölf und ich fahre die paar Kilometer zum Parkplatz. Robyn, die auf den Parkplatz aufpasst und Tickets verkauft, sagt, ich könne noch runter, müsse aber spätestens um 12:45 wieder zurück sein, da sie dann zusperre. Also bezahle ich die $3 Eintritt und spurte los.
Der Fußweg durch den Busch zum Strand dauert zehn Minuten, dann nochmal gute fünf Minuten über den Strand. Es fühlt sich sehr angenehm an, über den Sand zu laufen. Um schneller zu sein, zeieh ich die Sandalen aus und lasse sie liegen.Kurz darauf erreiche ich die Cathedral Caves. Mittlerweile ist es 12:30 und es bleibt kaum Zeit, diese großartigen Höhlen ausreichend zu würdigen.
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| Wo ein Wille ist, wird auch ein Weg. |
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| Cathedral Cave | Sieht ein wenig gespenstisch aus hier drinnen. |
Auf dem Rückweg erreiche ich meine Sandalen keine Sekunde zu früh. Die erste Welle der einsetzenden Flut ist genauso schnell wie ich und eine halbe Minute später wären die Schuhe wohl auf und davon gewesen. Sehr schnellen Schrittes geht es zurück zum Parkplatz, den ich um 12:50 erreiche. Robyn scharrt schon mit den Hufen, da sie auch noch bis nach Dunedin muss, um ihre Tochter abzuholen, die gerade ihr Studium beendet hat.
Auf der Hauptstraße fahre ich ein paar hundert Meter zurück, um die McLean Falls zu sehen. Auch hier geht es ungefähr zehn Minuten über eine private Schotterstraße. Sie endet auf einem DOC-gepflegten Parkplatz. Von hier aus sind es etwa zwanzig Minuten Fußweg durch den Busch. Die Wasserfälle sind sehr schön. Über mehrere Etagen stürzt ein Bach in die Tiefe. Auch dieser Abstecher hat sich gelohnt.
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| McLean Falls | |
Bald endet der asphaltierte Teil der Hauptstraße und es geht weiter über Schotter. Einige weitere Abstecher entlang der Southern Scenic Route lasse ich aus. Hier kann man durchaus mehr Zeit als nur einen Tag verbringen, denn alle paar Kilometer gibt es entweder einen Wasserfall, eine Höhle oder sonst etwas zu besichtigen.
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| Wenn mich einer fragt, wie Neuseeland aussieht, dann hole ich dieses Foto raus: grün, Hügel, im Hintergrund ein wenig Meer. |
Erst als in Owaka der Abzweig zur Surat Bay angekündig wird, verlasse ich die Hauptstraße wieder, denn hier gibt es einen Strand, auf dem Seelöwen leben, denen man sich sehr gut nähern kann.
Auf dem Parkplatz steht der mir mittlerweile bekannte Bus der Reisegruppe und in der Entfernung sehe ich die Besatzung des Busses bei einigen Tieren stehen. Der Pfad dorthin ist ausnahmsweise mal sehr schlecht, was bei vom DOC gepflegten Sites ja eher die Ausnahme ist. Im ersten Versuch lande ich tief in der Botanik, beim zweiten pfeife ich auf den Weg und wate den Fußspuren der Reisegruppe folgend durch die einsetzende Flut. Gut, dass ich mich heute für die Sandalen entschieden habe. Die Reisegruppe kommt mir entgegen und der Fahrer grinst mich breit an.
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| Stay clear of the sea lions? Aber deswegen bin ich doch hier! | ||
Die Seelöwen betrachte ich mit gehörigem Respekt aus der Entfernung. Die Reisegruppe war zwar viel näher dran, aber ich habe noch Els Erzählung im Kopf, wie er an dieser Stelle von den Seelöwen in die Flucht geschlagen wurde. Es ist sehr witzig, die Tiere zu beobachten. Eine Sekunde liegen sie ruhig und faul auf dem Strand, dann fauchen sie los und fangen an zu raufen. Dann wieder halten sie in einer Art Imponierstarre inne, nur um sich danach richtig zu keilen. Irgendwann entdeckt mich das Leittier und macht ein paar Schritte auf mich zu (sind das überhaupt Schritte?). Bei mir gehen die Panik-Leuchten an und ich ergreife die Flucht. Ein wenig theatralisch vielleicht, aber Seelöwen-unerfahren ich bin, erscheint dies als eine wenig übertriebene Maßnahme. Ist auch gut so, denn am Strand steigt die Flut minütlich und beim Rückzug ist das Wasser schon ziemlich hoch.
Am Wagen angekommen habe ich das Problem, dass nicht nur meine Füße, sondern auch die Schuhe nass sind, außerdem voller Sand. Also mache ich etwas, von dem ich dachte, dass ich es niemals tun würde: Ich ziehe auf offener Straße meine Badelatschen an. Ganz und gar ohne Rücksicht auf Ästhetik und guten Geschmack.
Der Rest der Strecke nach Dunedin ist eher langweilig. Je näher ich der Stadt komme, desto breiter wird der SH1, bis er kurz vor Dunedin sogar zur Autobahn wird. Ohne mich allzu sehr zu verfahren, erreiche ich die Ramsay Lodge: ein schönes altes Haus in einer nicht besonders schönen Straße. Hier habe ich am Vortag noch ein Bett für zwei Nächte reserviert. Sandra am Empfang heißt mich willkommen und erklärt mir die Örtlichkeiten. Zum Glück bin ich nicht in einem Dorm, sondern in einem Twin Room mit einem weiteren Gast untergebracht. Von dem ist in Zimmer 7 außer einem großen Koffer nicht viel zu sehen. Als erstes setze ich die Waschmaschine in Gang und dusche mir den langen Tag im Auto vom Körper. Nachdem ich die Wäsche aufgehängt habe, mache ich den ersten Erkundungsgang in Richtung Stadtzentrum.
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| Ramsay Lodge, Dunedin |
Auf dem Weg zum Octagon, dem achteckigen Platz in der Stadtmitte, gewinne ich den Eindruck, dass Dunedin hauptsächlich aus Druckereien und geschlossenen Restaurants besteht. Nördlich des Octagon heißt die Einkaufstraße George Street. Hier gibt es weniger Druckereien, dafür aber mehr geschlossene Restaurants. Schließlich bleibe ich zum Abendessen im Governor hängen, einer mit dunklem Holz rustikal eingerichteten Studentenkneipe. Zum Abendessen gibt es eine Pizza, und auch hier fällt mal wieder auf, wie freundlich und hilfsbereit die Menschen in Neuseeland sind. Statt auf meine späte Bitte, etwas sparsam mit dem Knoblauch umzugehen zu sagen "Das hätte Ihnen auch mal früher einfallen können", höre ich nur "Die Pizza ist schon im Ofen. Wenn Dir zuviel Knoblauch drauf ist, sag Bescheid, dann machen wir Dir eine neue Pizza".
Das Café füllt sich schnell und die Atmosphäre wandelt sich. Am Anfang wirkte es eher ruhig und behäbig, als ob es ein sehr langsamer Abend würde. Doch eine Stunde später ist kaum mehr ein Platz frei. Das Publikum ist sehr gemischt: viele Studenten, aber auch einige ältere Leute, die aus der Kirche gegenüber kommen.
Auf dem Rückweg zur Ramsay Lodge mache ich am hell erleuchteten Octagon ein paar Fotos und rufe Björn an, um von meinem Tag zu berichten. Gegen 10 Uhr bin ich wieder im Backpacker und muss den Besitzer herbeiklingeln, weil ich mit dem Kombinationsschloss nicht zurechtkomme. Ich scheine aber nicht der erste zu sein, dem es so geht -- außerdem wohnt er direkt gegenüber und hatte keinen langen Weg. Vor dem Schlafengehen überspiele ich noch die Fotos der letzten beiden Tage auf den iPod und prüfe, ob die Wäsche trocken ist. Ist sie nicht, also übernachtet sie draußen auf der Wäschespinne.
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| The Octagon am späten Abend | |
Der Mitbewohner ist noch nicht da, als ich das Licht ausmache. Irgendwann kommt er doch. Im Dunkeln erkenne ich nur, dass er Asiate ist. Nachdem er seinen Riesenkoffer erfolgreich aus dem Zimmer heraus und wieder hinein gerollt hat, spielt er noch mit seinem Telefon herum. Zuerst denke ich, er programmiert seinen Wecker, aber das kann keine zehn Minuten dauern. Er spielt also wirklich. So richtig mit Tastenklick und Piepgeräuschen. Nach fünf Minuten bitte ich ihn sehr bestimmt, das sein zu lassen. Honestly!
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