| Einen Tag zurück | Startseite | Einen Tag weiter |
Der erste Blick nach dem Aufwachen geht aus dem Fenster. Es sieht nach klarem Himmel aus! Die schweren Wolken haben sich über Nacht verzogen. Vielleicht kann ich vor der Abfahrt heute doch noch einen Blick auf Mt. Cook erhaschen.
Zum Frühstück treffe ich Anthony. Er hat für heute einen Walk zum Kea Point und zum Hooker Lake geplant. Weil das Wetter so schön ist und es eine Schande wäre, den Ort zu verlassen, ohne Mt. Cook gesehen zu haben, verabreden Anthony und ich uns, auch heute nochmal gemeinsam zu wandern. Eigentlich wollte ich früh hier losfahren, um am Nachmittag in Wanaka noch eine Wanderung zu unternehmen. Doch den Plan vergesse ich ganz schnell wieder. Stattdessen packe ich meine Sachen zusammen, checke aus und fahre zum Parkplatz in der Nähe des Kea Point. Auf dem Weg zur Aussichtsplattform hole ich Anthony ein, der schon etwas früher zu Fuß losgegangen ist.
|
|
| Mt. Cook / Aoraki: Ohne Wolken! Die Freude ist grenzenlos. |
Die Aussicht von hier ist spektakulär. Kein Vergleich zu gestern. Mt. Cook liegt erhaben in seinem Tal und strahlt weiß in den blauen Himmel hinein. Die Berge in der direkten Umgebung sind ebenfalls besser zu sehen. Statt grauer Wolkenschleier sieht man nun hell leuchtenden Schnee und darunter hellblaues Eis. Heute erkennt man auch den Gletscher, aus dessen Schmelzwasser der Mueller Lake unterhalb des Kea Points entsteht. Hier ist, wie beim Tasman Glacier, nur wenig Eis zu sehen, dafür umso mehr Geröll. Anthony und ich bemühen uns, nicht darüber nachzudenken, wie gut der Ausblick von den Sealy Tarns heute wäre... Stattdessen machen wir uns auf den Weg zum Parkplatz. Auf dem Weg dorthin läuft uns Gaby in die Arme, die gerade auf dem Weg zurück zum Hostel ist. Sie mag nicht mit auf die Wanderung kommen, da ihr der Tag gestern buchstäblich noch in den Knochen steckt und sie sich für die Great Walks der nächsten Tage etwas schonen möchte.
|
|
| Das Tal sieht bei Sonne gleich noch aufregender aus. |
Vom Auto aus rufe ich beim Purple Cow Backpacker in Wanaka an und reserviere ein Bett für die Nacht. Um viertel nach elf starten wir die Wanderung zum Hooker Lake, die vom DOC mit ungefähr vier Stunden veranschlagt ist. Die erste Station ist keine zehn Minuten hinter dem Parkplatz das Alpine Memorial, eine Gedenkstätte zu Ehren der Wanderer und Bergsteiger, die bei ihren Touren in diesem Tal ums Leben gekommen sind. Auf dem steinernen Denkmal ist für jeden Bergsteiger eine Plakette angebracht. Es sind die Todesfälle der letzten 100 Jahre dokumentiert, der letzte stammt aus dem März 2004. Besonders die Widmungen sind zum Teil sehr rühend: "Claimed by the mountains he loved." Es fällt auch auf, dass kaum Frauen ums Leben gekommen sind. Viele Männer waren noch keine 25, einige gerade 18.
|
|
|
| Das Alpine Memorial. | |
Nach dieser kurzen Pause gehen wir weiter und erreichen die erste von drei Brücken über den Hooker River. Die erste und die zweite Brücke sind halbwegs frei schwingende Hängebrücken. Beim Drübergehen bekomme ich doch etwas weiche Knie, die Brücke ist ungefähr sechs bis sieben Meter hoch, was bei meiner Höhenangst schon ausreicht, dass ich mich unsicher fühle. Der Walk ist aber ansonsten sehr leicht. Von den drei DOC-Kategorien fällt er in die einfachste: "mit Schuhen begehbar". Man braucht also weder festes Schuhwerk noch alpine Ausrüstung -- das sind die Kriterien für die anderen Kategorien. Bei dem schönen Wetter heute sind viele Besucher unterwegs, darunter viele japanische Reisegruppen. In diesen Seniorengruppen tragen fast alle Frauen die gleichen Hüte und die gleichen weißen Handschuhe. Kurz vor der zweiten Brücke wird der Weg sehr schmal und schmiegt sich eng an der Felswand entlang. Dann kommt die zweite Brücke. Die schwingt etwas heftiger als die erste und ich fühle mich beim Rübergehen endgültig an Donkey und Shrek erinnert, wie sie die Lava überqueren. Klar, dass ich dabei Donkey bin.
|
|
|
|
|
| Donkey und Shrek Brücke Nr. 1 | Donkey und Shrek Brücke Nr. 2 | Mt. Cook Butter Cup |
Auf dem Weg zur dritten Brücke wird der Weg etwas schwieriger, aber immer noch weit einfacher als der Aufstieg gestern. Obwohl es stetig leicht bergan geht, sind keine richtigen Steigungen zu überwinden. Der Höhenunterschied zwischen Dorf und dem Hooker Lake beträgt lediglich 200 Meter, bei vier Kilometern Strecke ist das kaum zu merken. An der dritten Brücke überqueren wir den Fluss ein letztes Mal auf dem Hinweg. Hier ist ein kleiner DOC Shelter aufgebaut und ein etwas ramponiert aussehendes Gerät, mit dem man die einzelnen Berge bestimmen kann. Doch weder Anthony und ich verstehen, wie es funktioniert und halten uns nicht lange damit auf. Bis zum Seeufer ist es noch eine knappe halbe Stunde. Der Weg ist bei diesem Wetter gut zu bewältigen, doch ich denke daran, dass Gaby vorgestern an der dritten Brücke umgekehrt ist, weil das ganze Unterfangen in dichtem Nebel und einsetzenden Gewittern etwas unsicher erschien.
|
|
|
|
|
| Hooker River | Wetterschutz bei Brücke Nr. 3 | Anthony auf Zick-Zack Pfaden | |
Am See treffen wir auf viele andere Wanderer, die am Ufer Pause machen. Von hier aus hat man einen großartigen Blick auf Mt. Cook. In der Entfernung sieht man die Front der Gletschers in den grauen See hineinragen. Es ist verlockend, noch bis dorthin am Seeufer weiterzuwandern, doch dann geriete der Zeitplan endgültig aus den Fugen. Es wären bestimmt nochmal 90 Minuten mehr, hin- und zurückzugehen. So sehr sich das wahrscheinlich lohnen würde, es bleibt keine Zeit, denn die Fahrt bis Wanaka ist mit drei Stunden veranschlagt.
Anthony und ich suchen uns ein halbwegs windgeschütztes Plätzchen und nehmen unser Mittagessen ein. Für mich gibt es wieder mal Müsliriegel, zu trinken habe ich blöderweise nichts dabei. Meine "Super Pump" Wasserflasche ist gestern abend verschwunden und so habe ich kein Gefäß, in das ich Wasser aus meinem Kanister umfüllen kann. Anthony teilt aber gerne wieder den Tee aus seiner Thermoskanne. Obwohl wir im Windschatten eines großen Felsen sitzen, wird es schnell kalt. Wir brechen bald wieder auf -- allerdings nicht, ohne Fotos der tapferen Wanderer mit Mt. Cook im Hintergrund gemacht zu haben.
|
|
|
|
| Hooker Glacier Lake: Graues Wasser, graue Eisschollen | Mt. Cook und ich. | |
Durch Rückenwind und das leichte Gefälle kommen wir schnell und gut voran. Lediglich an der ersten Brücke müssen wir einen Trupp Japaner abwarten, da die Brücke zu schmal ist, um einander zu passieren. Doch dieses Prinzip ist ja in diesem Land von den einspurigen Straßenbrücken bestens bekannt. Inzwischen hat sich auch eine ganze Menge Wolken von Westen her über das Tal hergemacht. Ganz so schön wie am Vormittag ist es nicht mehr, als wir um 14:30 Uhr wieder am Parkplatz ankommen.
Anthony und ich fahren zurück zum Hostel, trinken noch gemeinsam Tee und essen ein paar Kekse dazu. Schade, dass wir uns nun voneinander verabschieden müssen, ich habe seine Gesellschaft sehr genossen. Wir tauschen noch Email-Adressen aus. Vor der Tür wartet der Intercity Linienbus darauf, dass die Fahrgäste einsteigen. Es folgt schon der zweite Abschied: Gaby ist gerade dabei, ihr Gepäck in den Bus zu verladen, als ich ihr Auf Wiedersehen sage. Ich hoffe, dass es wirklich ein Wiedersehen gibt.
Dann aber fahre ich endgültig los. Die Strecke zurück zum Highway 8 ist heute nicht ganz so beeindruckend wie zwei Tage zuvor. Lake Pukaki ist etwas weniger stechend blau. Richtig aufregend wird die Landschaft erst wieder am Lindis Pass. Dort wächst in 700 Metern Höhe nur das strauchartige Tussock Gras, was den Bergen ein ganz besonderes Aussehen verleiht. Hinter dem Pass wird die Landschaft wieder flacher und erst vor Wanaka tauchen am Horizont wieder die schneebedeckten Gipfel der Southern Alps auf. Ich erreiche Wanaka kurz vor der geschätzten Zeit. Bin wohl etwas schneller gefahren als die erlaubten 100 km/h. Pfui.
|
|
| Lindis Pass |
Das Purple Cow Backpacker liegt an einer der beiden Hauptstraßen mit direktem Blick auf den Lake Wanaka. Das Hostel ist großzügig angelegt mit einer großen Lounge, einem Leseraum und vielen Zimmern. Ich checke ein und bekomme den Schlüssel zu Raum 12. Dort schrecke ich erstmal wieder zurück, als ich mehrere Frauen sehe. Ich glaube an einen Fehler bei der Buchung, weil ich bisher noch keine gemischten Schlafräume in Hostels hatte. Wie auch: ich war ja bisher fast nur in Einzelzimmern. So versichert man mir an der Rezeption, dass alles in Ordnung sei und kein Fehler vorliege. Also gehe ich zurück ins Zimmer und suche mir eins der beiden noch freien oberen Betten aus. Die beiden britischen Zimmergenossinnen, die bereits da sind, haben ihren Spaß mit meiner Unsicherheit. Sind aber sehr nett.
|
|
| Purple Cow Backpacker in Wanaka |
Auf dem Weg zum Hostel bin ich an einem Internet-Laden vorbeigekommen, den ich nun aufsuche. Endlich mal ein richtiger Netzzugang und nicht nur diese kastrierte Kiosk-Software, die es üblicherweise auf den PCs in den Hostels gibt. Ich schreibe ein paar Emails und gehe zurück ins Purple Cow. Dort suche ich die beiden Backpacker aus, in denen ich die letzten Nächte der Tour verbringen möchte: Zwei Nächte in Franz-Josef, drei in Christchurch. In beiden Backpackern ist auch noch Platz. Besonders auf das Chester Street Backpacker in Christchurch bin ich jetzt schon gespannt. Es hat ein hervorragendes BBH Rating und nicht viele Betten. Es ist schon auffallend, dass die Ratings tendenziell besser sind, wenn es sich um einen kleinen Betrieb handelt. Außerdem stelle ich sicher, dass ich als "Alexander" und nicht wieder als "Alexandra" gebucht bin, was auch schon vorgekommen ist.
So laufe ich durch das abendliche Wanaka. Es ist kurz vor acht Uhr, die Straßen sind leer, aber die Restaurants haben gut zu tun. Mir ist allerdings eher nach einer einfachen Pizza statt einem aufwendigen Essen im Restaurant, aber eine Steh-Pizzeria finde ich nicht. So gut das Solo-Reisen auch klappt, es ist immer noch ein wenig doof, allein in ein Restaurant zu gehen. Da bevorzuge ich eher die Cafés und Fish and Chips Läden, wo das Einnehmen einer Mahlzeit nicht so zelebriert wird. Die beiden Postkarten, die ich noch geschrieben habe, werfe ich in einen etwas ungewohnt aussehenden Briefkasten, aber der Mann im Geschäft nebenan versichert mir, dass dieser Briefkasten sogar besser sei, weil die Post direkt nach Auckland gehe, ohne die lokale Verteilung zu durchlaufen. Na gut. Ich mache noch ein paar Fotos vom Lake Wanaka im Abendlicht und gehe ins Hostel zurück.
|
|
| Lake Wanaka |
|
|
| Lake Wanaka |
In der Reading Lounge versucht sich ein Bayer an den Türmen von Hanoi, die er im Freizeitpark "Puzzling World" gekauft hat. Wir tauschen unsere Reiseerfahrungen aus. Als ich schlafen gehen möchte, sind die Britinnen noch wach und ich kann endlich mal wieder ein paar Seiten lesen. Später kommen die drei anderen Zimmerbewohner und machen ein bisschen viel Aufwand. Außerdem lassen sie das Licht im Bad an. Aber gut, vielleicht hat ja jemand von denen Angst im Dunkeln.
| Einen Tag zurück | Startseite | Einen Tag weiter |
|
Copyright (c) 2004/2005 Alexander (reiseberichte@barmblognord.com).
This work is licensed under a Creative Commons License.
|
|
| http://barmblognord.com | |